Andreas Mix - Polens Medien attackieren deutsche Journalisten
In der Debatte um die von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen organisierten Ausstellung "Erzwungene Wege" geraten in Polen deutsche Korrespondenten ins Visier der regierungsnahen konservativen Presse. Sie stützt die fixe Idee des Premierministers Jaroslaw Kaczynski von der Partei "Recht und Gerechtigkeit", der die deutschen Berichterstatter für das schlechte Image seiner Regierungspolitik in Deutschland verantwortlich macht.
Auslöser war die im Juli in der taz veröffentlichte Satire auf dessen Zwillingsbruder, Staatspräsident Lech Kaczynski. Sie gab das Fanal für eine massive Kritik an den deutschen Medien. "Polen beleidigt man nicht ungestraft", drohte die Tageszeitung „Nasz Dziennik“, die sechzehn deutsche Journalisten namentlich aufführte und damit öffentlich an den Pranger stellte.
Dann legte der an der Universität Bremen lehrende Soziologe Zdzislaw Krasnodebski nach. "Die deutsche Presse attackiert uns", klagte er in der vom Axel-Springer-Verlag herausgegebenen Tageszeitung Dziennik. Das ebenfalls von Springer herausgegebene Boulevardblatt Fakt und die angesehene konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“ empörten sich über Frank Herold, Redakteur der Berliner Zeitung, weil er in einem Kommentar am 16. August Premierminister Jaroslaw Kaczynski dafür kritisierte, die Ausstellung vereiteln zu wollen, ohne sie gesehen zu haben. Zuletzt nahm das Wochenmagazin „Wprost“ die Berichterstattung der Korrespondenten der „Frankfurter Allgemeinen“ und der „Süddeutschen Zeitung“ ins Visier: "In den deutschen Medien kommen die Gebrüder Kaczynski schlechter als Lukaschenko weg".
Selbst die beiderseits der Oder beliebte Polenbeauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan, behauptet nun, dass auch die deutsche Journaille Schuld an den derzeitigen deutsch-polnischen Beziehungen sei. In der Rzeczpospolita macht sie Thomas Urban, den langjährigen Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung und regelmäßigen Gastautor der „Rzeczpospolita“, für das schlechte Bild der polnischen Politik in Deutschland mitverantwortlich. Schwan bezeichnet Urban als "aktiven Befürworter des Zentrums gegen Vertreibungen", der "in vielen Artikeln das negative Bild Polens bestätigt, in dem er Polen mit polnischen Nationalisten vermengt hat, die polnische Kirche mit der polnischen Rechten, so dass der wenig orientierte Leser sich nur merkt, dass die Polen merkwürdig und unerträglich sind."
Für Thomas Urban, der seit vielen Jahren in Polen lebt und als einer der besten Kenner des deutsch-polnischen Beziehungen gilt, ist das ein Skandal. Er leidet auch persönlich unter den Folgen des verschlechterten deutsch-polnischen Verhältnisses. Nach eigenem Bekunden wird seine Familie seit der Publikation von Schwans Artikel bedroht, weil er nun als "Steinbachowiec" gelte, als Parteigänger der in Polen verhassten Erika Steinbach, der Vorsitzenden der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen. "Es ist wohl ein Novum, dass ein Vertreter der Bundesregierung in einer emotional ohnehin höchst aufgeladenen Atmosphäre in einem Medium eines anderen Landes einen dort akkreditierten Korrespondenten kritisiert und zu diskreditieren versucht", sagt Urban zu Schwans Vorwürfen.
Das Thema Flucht und Vertreibung berührt ihn auch persönlich: Seine Familie stammt aus Breslau; die Familie seiner polnischen Frau wurde aus dem ehemals ostpolnischen Tarnopol vertrieben. In dem 2004 veröffentlichten Buch "Der Verlust. Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert", das demnächst auch in Polen erscheinen soll, äußert sich Urban zurückhaltend zu dem brisanten Thema. Er versucht, "nur Fakten darzustellen" und enthält sich jeder eigenen Interpretation.
In seinen Berichten für die Süddeutsche Zeitung lässt er keinen Zweifel daran, dass die von der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" organisierte Ausstellung die deutsch-polnischen Beziehungen belastet. Er kritisiert die heftigen Reaktionen der polnischen Regierung und weist ihre Vorwürfe zurück, die Deutschen sähen sich nur noch als Opfer des Zweiten Weltkriegs. Zugleich nimmt er auch die Bundesregierung in die Pflicht: Sie müsse "den Polen geduldig immer wieder klarmachen, dass erstens von einer Geschichtsrevision nicht die Rede sein kann, zweitens aber die durchaus zu Zugeständnissen bereiten Vertriebenen nicht aus dem Versöhnungsprozess ausgegrenzt werden können." Nun ist Urban, der beharrlich um Verständnis im deutsch-polnischen Dialog wirbt, selbst zur Zielscheibe von Angriffen geworden.