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Bundestagspräsident Lammert schreibt an Bartoszewski

 

Verehrter, lieber Herr Bartoszewski,

mit dem gebotenen Respekt vor Ihrer Biographie und Ihrer eindrucksvollen Lebensleistungen und zugleich mit zunehmenden Unverständnis für Ihre jüngsten mehrfachen öffentlichen Erklärungen zur Besetzung des Stiftungsrates der Bundestiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" wende ich mich nun auch öffentlich an Sie mit dem herzlichen Wunsch, unser gemeinsames Interesse an freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen auch und gerade bei Meinungsverschiedenheiten in der Wortwahl und Tonlage deutlich werden zu lassen.

Selbstverständlich ist Ihr gutes Recht, Frau Steinbach die Eignung als Repräsentantin deutscher Vertriebener in dem vom Deutschen Bundestag dafür vorgesehen Stiftugsrat abzusprechen, auch wenn das Bild dieser engagierter Frau in der polnischen Öffentlichkeit zum Teil durch eine unvollständige, manchmal irreführende oder grob dämonisierende Berichterstattung entstanden ist, an der sich zu meinem großen Bedauern auch politische Repräsentanten in beiden Ländern beteiligt haben. Eine "blonde Bestie" ist sie ganz sicher nicht.

Ich kenne Frau Steinbach aus langjähriger Zusammenarbeit in der Bundestagsfraktion, teile keineswegs alle ihre Positionen, habe im Unterschied zu ihr sowohl dem deutsch-polnischen Grenzvertrag zugestimmt, als auch der Beitritt Polens zur NATO wie zur EU nachdrücklich unterstützt, dem auch Frau Steinbach entgegen anderslautender Behauptungen im Deutschen Bundestag zugestimmt hat. Ich schätze ihr ernsthaftes und glaubwürdiges Engagement auch und gerade im deutsch-polnischen Verhältnis. Keiner ihrer Vorgänger im Amt des Vorsitzenden des Bundesverbandes der Vertrieben hat hartnäckiger und erfolgreicher gegen Geschichtsverkürzung und falsche Ansprüche gestritten als Erika Steinbach. Ihre Entscheidung, einstweilen auf die bereits erfolgte Nominierung für den Stiftungsrat im Interesse der Sache zu verzichten, belegt einmal mehr, dass ihre Haltung und ihr Verhalten souveräner ist als die mancher Kritiker.

Es versteht sich von selbst, dass Sie diese Einschätzung nicht teilen müssen und dezidiert andere Auffassungen auch öffentlich vertreten können. Aber darf unter Demokraten ein doch hoffentlich konstruktiver Streit so weit gehen, dass man Andersdenkende allesamt als "Narren" bezeichnet, wie Sie es getan haben, verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis, "wenn jemand sich blöd stellt, hilft auch nichts mehr"? Der Präsident des Deutschen Bundestages, prominente Abgeordnete, Ministerpräsidenten, der Generalsekretär der Christlich Demokratischen Union, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: allesamt "Narren"?

Verehrter, lieber Herr Bartoszewski, Ihr persönliches Schicksal und Ihr darauf gegründetes politisches Engagement haben meine große Bewunderung, insbesondere seit Ihrer bemerkenswerten Rede im Deutschen Bundestag 1995, mit der Sie in denkwürdiger Weise das Leid der Deutschen gewürdigt haben, die ohne persönliche Schuld Opfer des von Deutschland durch den Überfall auf Polen begonnen Zweiten Weltkrieges geworden sind.

In meiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert" in Berlin habe ich Sie mit Ihrem Beitrag aus Anlass der 70. Geburtstages von Kardinal Lehmann zitiert: "Polen und Deutsche müssen ihre gegenseitigen Relationen neu begreifen und definieren (...) Trotz der tragischen Vergangenheit haben es die Deutschen und die Polen verstanden, eine enorme psychologische und moralische Wende zu vollziehen. Sie beginnen, im Sinne von Verständigung und Versöhnung zu leben.

Mir liegt sehr daran, dass dies so bleibt - und Ihren sicherlich auch.

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Lammert

(Bundestagspräsident)

 

Kommentare zu diesem Artikel - Komentarze do artykułu



Anzeige: 1 - 2 von 2.

Rudi Puscher
Donnerstag, 30-04-09 10:47   E-Mail

Wer glaubt, daß es zwi-
schen Polen und Deutschen
zum friedlichen Nebenei-
nander kommt,irrt gewal-
tig-denn Unrecht Gut ge-
deihet nicht - siehe Pa-
lästinenser und Juden.

AG-X
Donnerstag, 12-03-09 12:35

Ich war der Meinung, dass alle Missverständnisse zwischen den Herren Lammert und Bartoszewski auf mangelnder Kompetenz der Dolmetscher beruhten, aber leider muss ich doch jetzt meine Meinung korrigieren und mit Herrn Lammert eine kleine Polemik initiieren. Die Ausdrücke "rżnąć głupa" und "sich blöd stellen" sind gleichwertige Idiome, aber in beiden Sprachen darf man nicht daraus schließen, dass derjenige, welcher dies tut unbedingt als „Narr“ bezeichnet wird, ich würde sagen - im Gegenteil, er ist klug, aber tut nur so, als ob er nicht bis drei zählen könnte. Das ist zwar kein Lob, aber auch kein Grund um böse zu sein. Außerdem ist ein „Narr" kein „wariat“ sondern ein „błazen" – „wariat“ ist praktisch synonym mit „Idiot“. Mit dem Ausdruck „Narr“ wurde im Mittelalter einer der klügsten polnischen Diplomaten bezeichnet – ein gewisser Stańczyk. Der Job von Stańczyk – als Hofnarr – zwang ihn sehr oft zum „sich blöd stellen“ (do „rżnięcia głupa“, bo był pewnie Polakiem), obwohl er dem König sehr oft bei den schweren Regierungsgeschäften half. Es gibt zwar heute viele Narren mit wesentlich kleinerem IQ (zweistellig!?), sowohl im Sejm wie im Bundestag, ich möchte aber nicht aus Versehen in einen Fettnapf treten und deshalb will ich nur Till Eulenspiegel in mein Gedächtnis zurückrufen und an seinen wohl genialsten Streich erinnern, als er die Schneider der ganzen Welt um sich versammelte um ihnen etwas sehr wichtiges zu sagen. „Po śląsku“ klang sein weiser Ausspruch so: „Daremny sztich bez wanzołka!“ War das etwa blöd? Ich bin der Sohn eines Schneiders und kann das Genie von Eulenspiegel korrekt einschätzen, was mir bei den heutigen Narren nicht immer gelingt!

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