Der Holocaust
Wann wurde die sogenannte „Endlösung" beschlossen? Wer gab den Befehl dazu? Zwar ist jedem in Deutschland der Holocaust ein Begriff, die Kenntnisse über dieses Ereignis ist bei vielen aber gering. Auch wenn dieses ungeheuerliche Verbrechen, dieser Zivilisationsbruch, uns heute unvorstellbar erscheint, er ist geschehen, und Wissen ist die wichtigste Waffe, mit der man Rechtsextremismus und die Leugnung des Holocaust bekämpfen kann. Man sollte nicht vergessen, daß das Nichtwissenwollen die nationalsozialistischen Verbrechen erst ermöglicht hat. Aber das Wissen über den Holocaust lehrt uns auch etwas anderes: Die „Endlösung" wurde nämlich nicht an einem Tag beschlossen, etwa auf der Wannsee-Konferenz. Und es war nicht so, daß Adolf Hitler einen Befehl erteilte, den seine Schergen ohne nachzudenken ausführten. Der Holocaust entwickelte sich aus einem Prozeß der Diskriminierung, der Ausgrenzung, der Verfolgung und schließlich der Deportation und Ermordung einer Minderheit. Sich das vor Augen zu führen, tut in Deutschland und anderswo auch heute Not - denn Ressentiments gegen Minderheiten, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gibt es noch immer, und es gilt, sie zu bekämpfen.
Dabei ist der Begriff höchst problematisch. Er entstammt einer englischen Übersetzung des griechischen Bibelverses 1 Mose 22, indem die (letztendlich verhinderte) Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham beschrieben wird. Daß es unangemessen ist, eine Parallele zwischen dieser Geschichte aus dem Buche Genesis und der Vernichtung der europäischen Juden herzustellen, ist klar. Der Begriff hat sich aber weitestgehend von seiner biblischen Konnotation gelöst und ist so weit verbreitet, daß sein Gebrauch heute auch von der Fachwelt nicht gescheut wird.
Ein zweites Problem, das der Bezeichnung „Holocaust" anhaftet, ist ihre häufige Verwendung in anderen Kontexten, die die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Verbrechens in Frage stellt: man spricht z.B. vom „atomaren Holocaust" und andere Massenmorde werden, zumal im Englischen, als „holocausts" (plural) bezeichnet. Es gilt aber (auch in Anbetracht verschiedener Relativierungsversuche), das Bewußtsein dafür zu wahren, daß die Ermordung von sechs Millionen Menschen durch die Nationalsozialisten - das Regime eines vermeintlich zivilisierten, hochentwickelten Landes - nicht mit anderen Verbrechen gleichgesetzt werden darf.
Eine Alternative zu dem Begriff „Holocaust" ist die hebräische Bezeichnung „Shoa" (auch „Shoah"geschrieben). Letztere ist in ihrem Bezug auf die Vernichtung der Juden Europas eindeutig. Sie findet im Deutschen aber nur die Entsprechung „Katastrophe" o.ä., verliert also ihre Spezifität in der Übersetzung. Außerdem ist es fragwürdig, im Land der Täter einen Begriff zu verwenden, der von Opfern geprägt worden ist und ihre Perspektive reflektiert.
Was wissen wir über den Holocaust? Die Ansicht, die Umstände der Vernichtung seien ausreichend ge- bzw. erklärt, ist immer häufiger anzutreffen. Nicht nur an Hohmannschen Stammtischen, sondern auch in akademischen Kreisen außerhalb der Historikerzunft und in deutschen Feuilletons tritt die Vorstellung zum Vorschein, daß mit der um Jahrzehnte verspäteten Rezeption von Raul Hilbergs Klassiker, The Destruction of the European Jews , und einem Analysegemisch aus Hanna Arendts Konzept der „Banalität des Bösen" und Hans Mommsens Begriff der „kumulativen Radikalisierung" die nationalsozialistischen Verbrechen zu Genüge historisiert, ja, banalisiert seien. Gleichzeitig halten sich aber hartnäckig Legenden über den Holocaust, und auch von Revisionisten und Rechtsextremen gezielt propagierte Desinformation findet durch das Internet immer mehr Verbreitung.
Außerdem klafft eine Lücke zwischen den Forschungsergebnissen der Geschichtswissenschaft und ihrer Wahrnehmung bzw. Rezeption in der Gesellschaft. Jeder hat schon von Auschwitz gehört, aber wem sind die Lager der „Aktion Reinhard" - Belzec, Sobibor und Treblinka - bekannt, in denen genau so viele Menschen umgebracht wurden wie in Auschwitz-Birkenau? (Quelle - schoa.de)