Dr Ewald Stefan Pollok – Ein Museum der schlesischen Aufständischen?
Das Museum schlesischer Aufständischer wurde 1964 auf dem St. Annaberg gegründet. Anfangs in einer alten Leschnitzer Schule untergebracht, wurde es später in das schon vor dem Krieg bestehende „Polnische Haus“, auf halbem Weg zwischen St. Annaberg und Leschnitz, verlegt. Im Augenblick trägt es den Namen „Museum der Aufstand Taten“.
Als Antwort auf viele Suggestionen, so die lokale und überregionale Presse, veränderte man im Jahre 2006 die Ausstellung, um beide kämpfende Seiten zu zeigen. Die Medien waren voll des Lobes ob der Möglichkeit, daß die Besucher nun auch etwas über die kämpfende, deutsche Seite erfahren. Mit anderen Worten: Sie sollten ein volles Bild der Kämpfe jener Zeiten erhalten.
Die Besucherzahl des Museums ist gering, sie beträgt 1,4 Personen pro Tag, obwohl man Schulklassen und Kombattanten (Kriegskämpfer) mit Bussen dahin bringt. Um diese Situation zu verbessern, wurden zusätzliche, zeitlich begrenzte und mit dem Aufstandsgeschehen nicht zusammenhängende, Ausstellungen vorgeschlagen. Beispielsweise waren das Weihnachtskrippen, Bilder und der Ahnenbaum der Grafen von Gaschin aus Zyrowa/Buchenhöh, oder eine bunte Vogelausstellung. Im Zusammenhang mit diesen Aktionen stieg die Besucherzahl etwas, was die Medien als Beweis für die Mündigkeit der Bürger, welche sich doch für das Aufstandsgeschehen interessierten, auslegte. Wie man hier sieht, kann sogar die Statistik für kleinere Manipulation von Fakten mißbraucht werden.
Aufgemuntert durch die Euphorie der Medien über die Ausstellung einer geschichtlichen Wahrheit, entschlossen wir uns mit Prof. M. Kistler von der französischen Universität in Grenoble, in Begleitung seiner Mutter, zu einem Besuch des Museums, um zu erfahren, wie man in Polen einen hiesigen Bürgerkrieg darstellt. Wir waren neugierig, wie das Problem der deutschen Seite dargestellt sein wird.
Doch schon am Anfang, nach der Besichtigung der ersten Vitrinen, war ich unangenehm berührt und meine lieben Gäste bestätigten mich in der Meinung, daß es eine dilettantische Ausstellung ist. So muß sie genannt werden, denn das Wort „laienhaft“ wäre eine Verharmlosung des Zustandes.
Während der Besichtigung stieß ich auf 18 geschichtliche Fehler (Lügen). So z.B. die in deutscher und polnischer Sprache aufgeführten Angaben über die am 20. März 1921 erfolgte Volksabstimmung. Keine der Zahlen entsprach der Wahrheit.
Polnisch erfuhr man, daß 40,3 % der an der Abstimmung teilnehmenden für Polen, und 59,7 % für Deutschland gestimmt haben. In Deutsch aber waren es 40,3 % für Polen und 57 % für Deutschland. Das ergibt einen Unterschied von 2,7 % für Polen.
Hier unterschlug man 32.000 Stimmen für Deutschland. So eine Tatsache ist eine Manipulation und Geschichtsfälschung.
In Wirklichkeit stimmten für Deutschland 707.554 (59,6 %), und für Polen 478.820 Personen (40,4 %). Diese Zahlen aber wurden nicht angegeben, wäre es doch für den kundigen Besucher zu einfach, die Fehler aufzudecken.
In zwei Räumen standen lebensgroße, in irgendeine Uniform gekleidete, Figuren, ohne jeglicher Erklärungen. Der Besucher weiß nicht, wen sie darstellen sollen. Meine Frage wurde von dem Museumspersonal folgendermaßen beantwortet: „Sie sind doch in einem Museum der Aufständischen, also kann es nur ein Aufständischer sein“. Wer jedoch wenigstens etwas der Geschichte kundig ist weiß, daß die Aufständischen keine Uniformen besaßen. Sie kämpften in Zivilkleidung und nur manche hatten eine weiß-rote Armbinde.
So wird auf einem, eine Feldmesse der Aufständischen zeigendem Bild, das Datum vor dem Aufstand angegeben.
Weiter wurde der Sterbeort des Kadetten Chodkiewicz unrichtig angegeben. Jeder Interessierte weiß, daß er bei Nieder Erlen (Oleschka), und nicht wie angegeben, bei Gogolin starb. Es sei denn, daß dem Verantwortlichen der Ausstellung solche Einzelheiten unwichtig erschienen. Doch dann kann man behaupten, daß es sich hier um keine geschichtliche, auf Fakten beruhende Ausstellung handelt, sondern daß man hier eigene Gedanken präsentiert.
Manche Ausstellungsgegenstände hat man ihrer Lesbarkeit beraubt, so Zeitungsausschnitte aus der polnischen Presse, in deutsch und polnisch, jener Zeit. Man sie einfach um bis zu drei Zentimeter am Zeilenende oder Zeilenanfang beschnitten. Meine, nicht nur der deutschen Sprache mächtigen Gäste, mußten ihre Phantasie bemühen, um einen solch beschnittenen Text zu entziffern. Und es bleibt offen, ob es absichtlich gemacht wurde; man seinen Dilettantismus demonstrieren wollte, oder auch nur die Besucher verprellen, welche hier etwas geschichtlich Fundiertes erfahren wollten. Falls so etwas in einer Schulzeitung passiert wäre, hätten die Schüler eine Ermahnung bekommen und sie selbst wäre verschwunden.
Meine Überlegung sagt mir, dass man die Begründung für Texte und Bilder solcher Ausstellungen mit Historikern konsultieren sollte?
Auf einigen farbigen Tafeln gab es Schlösser und Teile der hiesigen Flora und Fauna zu sehen. Leider waren die Namen der letzteren nur in lateinischer Sprache angegeben. Da nicht alle Besucher Fachleute sind, wäre es schon angemessen, diese auch in polnisch, geschweige auch in deutsch, anzugeben. Aber nicht nur das – auch in die lateinischen Bezeichnungen haben sich Fehler eingeschlichen. Anstatt „Angus fragilis“ sollte da „Anguis fragilis“ (Blindschleiche) stehen. Und anstatt „Carabus cariaceus“ würde man richtigerweise „Carabus coriaceus“ (Laufkäfer) erwarten.
Es wundert mich, daß niemand der bisherigen wissenschaftlichen Besucher – so z.B. bei der für sie organisierten Vorstellung vor dem „Panorama der Schlacht am Annaberg“ diese historische bzw. die fehlerhafte biologische Terminologie bei Pflanzen und Insekten, nicht bemerkte.
Sollte die polnische Wissenschaft durch einen so niedrigen Wissensstand geprägt sein, daß sie nur die Vorbilder aus der kommunistischen Ära vor Augen hat? Und die jungen Wissenschaftler wegen fehlender Bücher und entsprechenden Arbeiten kein seriöses Wissen um die Aufstände haben?
Trotz einer genauen Durchsicht der Ausstellung, fanden wir da keine Darstellung des Aufstands aus deutscher Sicht. Obwohl gerade darüber die Medien ausführlich berichteten. Die Frage, ob die Journalisten die Ausstellung überhaupt gesehen haben, oder nur den Worten der Aussteller geglaubt haben, ist hier wohl berechtigt.
Denn jeder, geschichtlich oder politologisch, gebildete Mensch sollte bei diesen – meiner Ansicht – gezielten Unwahrheiten aktiv werden.
Im Gespräch mit dem Direktor des Museums verwies ich auf diese Ungenauigkeiten. Mir wurde versichert, daß sie geprüft und eventuelle Fehler korrigiert werden.
Und wiedermal nach zwei Jahren war ich mit vier Bekannten (u.a. dem Mitglied des Oppelner Landtages, H. Kosak, Mgr Herbert Kopton, wie auch einer Dame aus Österreich und einer früher in Zyrowa beheimateten) im Museum. Einerseits um zur Erhöhung der Besucherzahl (!?), anderseits aber um mich von eventuellen Änderungen in der Ausstellung zu überzeugen.
Bedauerlicherweise konnte ich nur eine Änderung feststellen – nämlich die handschriftliche Änderung des fehlerhaften Ortsnamens, an welchem der Kadett Chodkiewicz ums Leben kam. Ich wollte darauf mit dem Direktor sprechen, leider war das unmöglich, weil er zwischenzeitlich von seiner Funktion entbunden wurde.
Die Ausstellung enthält eine große Anzahl von Bildern und polnischen Zeitungsausschnitten jener Zeit, doch wird damit nicht die Ursache für den Ausbruch des Aufstands gezeigt.
-- Es fehlt eine Erklärung, warum Blut vergossen wurde, obwohl sich die Bewohner schon für die Zugehörigkeit zu einem der beiden Länder entschieden haben. Mehr noch, man verschweigt, daß der Generalstab der polnischen Armee in Warschau, schon im Januar 1921 (also noch vor der Abstimmung) den Plan für ein bewaffnetes Eingreifen vorbereitet hat. Am 22. April 1921 wurde der militärische Operationsplan für Oberschlesien durch das polnische Militärministerium sanktioniert. So war der „Aufbruch des schlesischen Volkes“ - wie man von dem Aufstand immer schreibt – kein Aufbruch, sondern eine geplante militärische Aktion.
-- Es fehlt die Information, daß am sog. Aufstand 7.000 Soldaten, 800 Offiziere und Unteroffiziere der polnischen Streitkräfte beteiligt waren. Mit anderen Worten: Auf das damals noch zu Deutschland gehörende Gebiet Schlesiens kamen Soldaten eines fremden Landes um da zu kämpfen! Stellen wir uns mal vor, nach Polen kommen Ukrainer und kämpfen um das ehemals zur Ukraine gehörende Przemysl. Oder die Deutschen um Görlitz (Zgorzelec). Ganz Polen wäre in Aufruhr.
-- Es fehlt eine Erklärung, warum es überhaupt zu den Kämpfen kam. Wo doch am 14. März 1921 die polnische Regierung auf einem Treffen mit dem Bund der Oberschlesier, die Frage Nr.4 – ob die Gefahr einer Aufruhr bestehe, deutlich widersprach: „... daß nicht an einen Waffengebrauch gedacht wird, um die Abstimmung zu torpedieren“
-- Es gibt keine Erklärung dafür, warum schon in der Zeit vor der Abstimmung über 3.000 Menschen ums Leben kamen und ermordet wurden.
-- Mit keinem Wort wird an die verurteilten Aufständischen erinnert, welche durch die damaligen Gerichte zu langjährigen Freiheitsstrafen oder sogar zum Tode verurteilt wurden – für Vergewaltigungen, Morde oder Diebstähle.
-- Man sagt den Besuchern nicht, daß Polen während der Konferenz in Spa (Belgien), den Italienern für ihre Unterstützung bei den Grenzänderungen jährlich 2.000.000 Tonnen Kohle in Aussicht gestellt hat.
-- Man erinnert nicht daran, daß der Ausbruch des Aufstandes von amerikanischen und europäischen Journalisten kritisiert wurde, wo doch schon eine demokratische Abstimmung stattgefunden hat.
-- Warum also sagt man auch heute, nach 87 Jahren den Menschen noch immer nicht die Wahrheit, sondern belügt sie weiterhin über die Ursachen des sogenannten Aufstandes?
Weshalb ich von einem „sogenannten“ Aufstand schreibe? Ein Teil meiner Leser denkt womöglich, daß ich etwas Neues entdecken wollte. Dies tue ich nicht, denn geschichtliche Tatsachen sprechen eine eindeutige Sprache. Es ist kein Aufstand, wenn die Ergebnisse einer demokratischen Abstimmung durch vorangehende Festlegungen einer Regierung substanzlos gemacht worden sind.
Hier sollte man noch festhalten, daß der Aufstand gegen die Oberschlesier gerichtet war, welche für Deutschland gestimmt haben. Schon damals wollte Polen Oberschlesien haben, nicht jedoch seine anders denkenden Einwohner.
-- Man erinnert z.B. nicht daran, daß Korfanty den Oberst Mielzynski, den Oberbefehlshaber des Aufstandes nur deswegen entließ, weil er sich nicht auf Kämpfe hinter der, durch die drei Großmächte beschlossenen Demarkationslinie, einlassen wollte.
-- Man erinnert nicht daran, daß in den Gegenden von Tarnowitz, Gleiwitz und Lublinitz die Männer zum Aufstand eingezogen wurden. Wo hat man es also mit einer Aufruhr der schlesischen Bevölkerung zu tun?
-- Man erinnert nicht an die Grausamkeiten des Alltags. Ich zitiere hier einige Sätze aus der Doktorarbeit von Dr H. Hitze: „In den ländlichen Regionen traten schnell alle Grausamkeiten eines nicht erklärten Krieges zutage. Obwohl das eine Aufruhr der Bevölkerung sein sollte, benahmen sich die Aufständischen wie eine Soldateska im fremden Land. Brücken wurden gesprengt, Häuser geplündert und angezündet, Männer ermordet, Frauen vergewaltigt und Kinder vor den Augen der Mütter getötet. Sogar vor Kirchen wurde kein Halt gemacht, wenn sie der Ort eines deutschen Gottesdienstes waren. Viele Dörfer wurden von ihren Bewohnern verlassen, um Schutz in den umliegenden Wäldern zu finden.“
-- Man erinnert nicht an den Brand von 14 Häusern in Halcnow bei Bielitz, angezündet durch die Aufständischen.
In einem der Museumsräume wird – nach den Worten der Museumsleitung – das Panorama der Schlacht bei St. Annaberg gezeigt. Ihre Schöpfer wissen höchstwahrscheinlich nicht, was eine Panorama einer Schlacht eigentlich zeigen sollte. Womöglich haben sie noch kein solches gesehen? Ich schlage ihnen eine Fahrt nach Breslau und die Besichtigung des Panoramas der Schlacht bei Raclawice vor. Denn das, was man in St. Annaberger Museum zeigt, erinnert an keine Schlacht. Auf den vielen Quadratmetern sehen wir keinen einzigen Aufständischen oder einen seiner Gegner. Nur herumliegende Haushaltsgeräte, Gießkannen, Pferdegeschirr oder ein verostetes Fahrrad... Für die Ausstellung ist Fr. Mgr. U. Zajączkowska aus dem Museum in Oppeln verantwortlich.
Ich kann die Enttäuschung der mich begleitenden Damen verstehen. Sie erhofften die von den Medien vorgegaukelte Wahrheit vorzufinden, seriöse Informationen über das Aufstandsgeschehen zu bekommen – gesehen von der polnischen und der deutschen Seite. Aber das ist nicht geschehen.
Wenn man diese Ausstellung als Ganzes betrachtet, muß man zu dem Urteil kommen, daß sie unfähig, ohne Anspruch auf Ästhetik und künstlerische Gestaltung gemacht worden ist. Schlimmer noch, denn auch ohne Anspruch auf geschichtliche Wahrheit.
Es drängt sich die Frage auf, warum die Gestaltung und Ausführung in die Hände von Menschen gelegt wurde, denen die entsprechende geschichtliche Grundlage fehlt? Oder, wenn diese vorhanden sein sollte, warum sie sich dann mit der Präsentation einer Reihe von Bildern mit irgend einem Kommentar begnügt haben? Anstatt die seriöse Wahrheit über jene Zeiten, die Menschen und das Geschehen widerzugeben?