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Dr. Ewald Stefan Pollok - Schlesischer Aufstand?

 

Seit dem Aufstand in Oberschlesien von 1921 vergingen nunmehr 87 Jahre. Bisher wurden zu diesem Thema Hunderte von Büchern in polnischer, deutscher, französischer, englischer und tschechischer Sprache herausgegeben sowie Tausende Aufsätze in diversen Zeitschriften darüber verfaßt.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die politische Sichtweise über dieses Ereignis. In den betreffenden beiden Ländern wurden die jeweiligen Auslegungen von Seiten der Politik gelenkt, bzw. ist den Historikern „vorgeschlagen“ worden, die Zusammenhänge in Übereinstimmung mit den aktuellen politischen Vorgaben, sei es nationalsozialistisch oder auch kommunistisch zu interpretieren. Zu Zeiten der VRPolen besonders anfangs, war es ratsam sowohl den Aufstand als auch dessen Anführer, Adalbert Korfanty, nicht zu erwähnen. Dennoch, eine Tatsache blieb und besteht weiterhin dauerhaft - in den verschiedensten Beiträgen polnischer Autoren, ob nun wissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen oder in gewöhnlichen Presseartikeln wird behauptet, dass die Oberschlesier selbst den Aufstand anstrebten.

Nach Meinung der Deutschen, war dies kein Aufstand der Schlesischen Bevölkerung, denn er wurde von Polen als getarnter Kriegsangriff mit dem Ansinnen vorbereitet, ein Teil des reichen Oberschlesien dem polnischen Staat einzuverleiben.

Die Volksabstimmung sollte den Willen der Bevölkerung bestätigen, und sie tat es indem 60% für den Verbleib bei Deutschland und lediglich 40% für Polen stimmte. Sofern nach dem I. Weltkrieg zwischen Polen und Deutschland ernsthaft über Oberschlesien gestritten wurde, so hatte dies hauptsächlich wirtschaftliche Hintergründe. Wirtschaftliche Aspekte spielten - wenn auch nicht die ausschließliche - hierbei die Hauptrolle… jedoch überwiegend - es sei hier abermals wiederholt - es waren wirtschaftliche Sachverhalte, schreibt Tadeusz Jędruszczyk[1].

Es ist gemeinverständlich, dass Historiker beider Länder diesen Zeitabschnitt unterschiedlich auslegen: die Deutschen aus der Tatsache des verlorenen Landes, die Polen als deren Eroberer. Einem Wissenschaftler fällt es sicherlich schwer, nicht zu seinen Wurzeln zu stehen und dem Ganzen mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

Vielleicht wäre es am Günstigsten diese Aufgabe beispielsweise einem Wissenschaftler aus Portugal oder aus der Schweiz zur objektiven Untersuchung anzuvertrauen? Doch diesen fiele es gewiß schwer, in der verworrenen Geschichtsentwicklung des kleinen Oberschlesien, einen Konsens zu erreichen, da es zunächst zum Mährischen Reich, danach zu Böhmen, Polen, Österreich und zu Preußen gehörte. Am besten wäre es, „wenn ein Historiker keine Heimat hätte“, wie es Dr. B. Linek formuliert.

In Bibliographien zum Thema des Aufstandes läßt sich die Entwicklung der Sichtweise und der Meinungsausrichtungen verfolgen.

In deutschen Bearbeitungen wird überwiegend mit Vorbehalt über die so genannten Aufstände geschrieben, und zwar weil diese von polnischen Militärs geplant und bezahlt waren und darüber hinaus auch reguläre Militäreinheiten in den Kampf um das damals reiche Oberschlesien beordert worden waren, demnach die Bezeichnung „Aufstand“ trügerisch sei.

„Keineswegs ist die polnische Geschichtsschreibung frei von Vereinfachungen, und ganz gewiß sind in ihr nicht nur Lücken und Fehler enthalten“ schreibt Marek Masnyk. An dieser Stelle sei hinzugefügt, dass die polnischen Historiker bislang keineswegs den gesamten Dokumenten-Bestand lückenlos untersucht haben, darunter auch jene, die sich unter den Beständen des polnischen Museums in New York befinden, über die die Fachwelt erst vor vier Jahren Kenntnis erhalten hat.

Bisher hat sich kein Historiker mit dem Thema „Aufstand oder fremde Einmischung?“ befasst. Polnische Forscher werden sicherlich davon Abstand nehmen, denn nach permanent wiederholten Behauptungen über den: „Sturm des Oberschlesischen Volkes“, wäre dies nicht im Sinne der polnischen Staatsräson.

Unmittelbar nach dem Übergang Ostoberschlesiens an Polen wäre es eine Binsenwahrheit zu schreiben, dass das Land u. a. durch das Polnische Militär erobert worden ist, was gewiß in Europa unangenehm widerhallen würde.

Deutsche Historiker meiden diesen Stoff, bzw. nehmen ihn nur ganz selten auf, und das grundsätzlich mangels Zugang zu entsprechenden Archivalien, deren Großteil sich in polnischen Händen befindet. Deswegen fällt es ihnen nicht leicht den Nachweis zu erbringen, dass die Ereignisse in Oberschlesien von 1921 kein Volksaufstand sondern eine Fremdeinmischung in die Problematik Oberschlesiens war.

Nach dem II. Weltkrieg ist eine freie Forschung zu diesem Thema untersagt worden, denn damit wurde beabsichtigt, der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass die Vorgänge von 1921 ein Vorgeschmack dessen waren, womit das Jahr 1945 geendet hatte - nach Vorgaben der polnischen Regierung - die Rückkehr Oberschlesiens zu Polen. Dies war eine der kommunistischen Lügen, denn die Siegermächte haben in Potsdam am 2. August 1945 in einem Protokoll - es ist kein völkerrechtlicher Vertrag - bezüglich der ehemaligen deutschen Ostgebiete (Schlesien, Pommern, Ostpreußen) u. a. folgendes festgestellt:

„Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, dass bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens, die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der nicht unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Übereinstimmung mit den auf dieser Konferenz erzielten Vereinbarungen gestellt wird und einschließlich des Gebietes der früheren Freien Stadt Danzig, unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.“

Zu beachten sei hier, dass die Siegermächte Stettin nicht unter die Verwaltung Polens einbezogen haben - was unlängst der polnische Historiker Dr. Musiał betonte - trotzdem hat Polen die Stadt Stettin in sein Territorium vereinnahmt.

Der endgültige Beschluss, bezüglich des deutsch-polnischen Grenzverlaufs, wurde gemäß Art. VIII, Abs. B und Art. IX, Abs. B der Potsdamer Vereinbarung einer in Zukunft zu haltenden Friedenskonferenz unter Beteiligung Deutschlands vorbehalten. Faktisch wurde während der Verhandlungen 1990 zum Zwei-plus-Vier-Vertrag die Grenze zwischen Deutschland und Polen Staatsrechtlich geregelt - im März 1991 in Kraft getreten - Anschließend wurde diese internationale Vereinbarung im gleichen Jahr in einem Deutsch-Polnischen Grenzanerkennungsvertrag festgeschrieben. (Beide Verträge sind 1992 ratifiziert worden).

Auf welch üble Weise polnische Bürger belogen wurden, hat Herr Dr. T. Kamusella erfahren müssen, nachdem dieser in einem bei ihm von der Stadt Oppeln /Opole in Auftrag gegebenem Glossar darüber geschrieben hat, dass die Westgebiete, gemäß des Potsdamer Abkommens, unter polnische Verwaltung gestellt worden sind.

Damals fielen Journalisten ganz Polens über ihn her und bezichtigten ihn der Verbreitung von Unwahrheiten. Selbst die Oppelner Universität, Dr. Kamusellas Arbeitgeber, geriet in Aufruhr - die Philologische Fakultät distanzierte sich von ihm mit einer missbilligenden Erklärung. Mit einer ähnlich schroffen Erklärung reagierte das Oppelner Marschallamt und dessen Vizemarschall Ryszard Galla von der deutschen Miderheit, der in den Printmedien die Verbrennung der gesamten Auflage des Glossars forderte. 2.000 (zwei Tausend) Exemplare dieses Buches wurden vom Verleger, der Oficyna Piastowska, zum Einstampfen abgestoßen. Dieser Vorgang fand im Jahre 2004 statt!!! Doch darüber sollte man sich nicht allzu sehr wundern, denn die meisten Polen und selbst Historiker kennen diese Tatsachen nicht bzw. wollen sie nicht zur Kenntnis nehmen.

Eine entsprechende Propaganda vermochte es, der Bevölkerung samt Geschichtswissenschaftlern so einzureden, dass diese von einer gesetzlichen Festlegung der polnischen Westgrenze in Potsdam überzeugt sind.

Auf gleiche Weise wurde mit den oberschlesischen Aufständen verfahren. Junge Magister und Doktoranden schreiben - oft mangels genügender Kenntnisse von Fremdsprachen, darunter besonders der deutschen Sprache - über das „Oberschlesische Volk“ anhand oft tendenziös verfasster Bücher und Aufsätze und kopieren unaufhörlich alte Ungenauigkeiten. Und dieser Zustand wird noch lange andauern, denn weiterhin werden Schulkinder nach Belieben mit alten Geschichtsmustern vertraut gemacht.

Nach nunmehr so vielen Jahren wäre es an der Zeit nachzuforschen, ob die Ereignisse des Jahres 1921 ein Aufstand der Oberschlesier waren oder sollte man die damaligen Kämpfe anders bezeichnen?

Es wäre angebracht, dieses Thema wissenschaftlich anzugehen, ohne Analysen politischer Propaganda zu betreiben und solcherart Feststellungen abzufassen, dass „die Oberschlesischen Aufstände in der Entwicklung des polnischen Volkes zu den großartigsten Geschichtskarten gehören, und einen Abschluss-Akkord in der Entwicklung der Freiheitskämpfe auf polnischem Boden nach der Teilung Polens darstellen“, wie in der „Enzyklopädie der Oberschlesischen Aufstände“ nachzulesen ist, und nachzuweisen, ob die Kampfhandlungen von 1921 einen Aufstand bildeten oder eine andere Art der Auseinandersetzungen waren.

[1] Tadeusz Jedruszczyk -Powstania Slaskie, wyd. Slask 1966 s.9 (Übers. A. Kulla)

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