Dr hab. Antoni Golly - Die Meinung eines Schlesiers zur Parole „Schlesier = Pole“
Die Grundlage meiner Ansichten über die Einschätzung eines wissenschaftlichen Gebietes war immer der Ausspruch eines genialen Menschen: „Ein wissenschaftliches Gebiet ist nur in dem Grade wissenschaftlich, in welchem es durch Mathematik unterstützt wird“. Der Titel zeigt „leichte“ Ansätze einer Anwendung von Mathematik - eine Gleichung. Die Definition einer Gleichung, vereinfacht für Laien, könnte so lauten: „Eine Gleichung ist eine Frage, was man für die Unbekannten X und Y einsetzen kann, damit die linke Seite der rechten gleich sei“. In dieser Parole wird hier die „Königin aller Wissenschaften“ von Historikern benutzt, was ich mit Genugtuung unterstreichen möchte, es gibt aber nur einen sehr kleinen Spielraum bei dem Versuch auf die Frage eine Antwort zu geben, da zu wenig Elemente zu Verfügung stehen (zwei) und in dem konkreten Falle die Gleichung nicht aufgeht. Es darf nämlich bei der Lösung einer Gleichung keine Ausnahmen geben und in diesem Falle ist das nicht wahr. Es gibt nämlich Schlesier, welche sich nicht als Polen fühlen.
Meine Meinung über Geschichte als Wissenschaft und ihre „Jünger“ ist immer mit einem kleinen Misstrauen verbunden (verseucht). Gegen Fakten habe ich nichts einzuwenden, wenn aber das Resultat der wissenschaftlichen Arbeit eines Historikers – die Interpretation – vom Herzen und nicht vom Verstand kommt, dann braucht man sich nicht zu wundern wenn in derselben Sachlage (Fakten) sich die Gelehrten in den Haaren liegen und vollkommen gegenseitige Meinungen vertreten.
Die im Titel enthaltene Parole habe ich sehr oft in verschiedenen Medien angetroffen. Ich weiß nicht mal wo ich sie zum ersten Mal geortet habe. Das behaupteten verschiedene Leute: Historiker, Politiker, Journalisten und andere Personen, welche mit der Region verbunden sind oder Sympathisierende aus anderen Teilen Polens. Es werden gegenseitige Vorwürfe vorgebracht, unbegründete Behauptungen aufgestellt und niemand fragt die wahrhaftig daran Interessierten – d. h. eine korrekt gewählte statistische Gruppe von Schlesiern. Schlesien und Schlesier sind nämlich kein Monolith und waren es nie. Einen vollkommen anderen Start ins Leben (die ominöse Muttermilch) haben Schlesier aus der Gegend bei Kattowitz oder Rybnik – der sogenannten Wiege des schlesischen Polentums oder Leute aus der Oppelner Region.
Bekannte prominente Leute wie die Professoren Simonides und Marek von der Oppelner Universität sind der Meinung, dass ihre Ansichten von Allen geteilt werden müssten, und dass sie das Recht haben, alle Schlesier zu repräsentieren und das ist falsch – sie stammen aus dem polnischen Schlesien, ich dagegen aus dem deutschen Teil. Zwar leben Verwandte von mir im polnischen Teil, aber meine Generation konnte sich mit ihnen nur mit Gesten oder über Dolmetscher – unsere Eltern - unterhalten.
Geschichte ist vielleicht keine präzise Wissenschaft, es ist aber bekannt, dass sich alles im Kreise dreht – meine Kinder haben es relativ besser als ich es hatte, sie können mit ihren Cousins in Deutschland ohne Zwischengliedern kommunizieren - eine „neutrale“ Sprache benutzen – Englisch..
Das „Rad der Geschichte“ rollte stets über meine Familie hinweg, ohne Rücksicht auf Verluste und das seit einigen Generationen - vom Urgroßvater bis zum Enkel – denn der Urenkel ist erst unterwegs und wird ein Kaschube werden (nach der „Muttermilch“). Wir griffen nur in verschiedene Speichen um vielleicht etwas auszuruhen, was mehr oder weniger weh tat.
Zum Beispiel merkte man anhand der Gespräche von Prof. Simonides mit deutschen Politikern, dass sie mütterlich um uns besorgt ist, aber vom Standpunkt einer Mutter, welche traurig ist, dass ihre Kinder kein korrektes Verhalten im Leben aufweisen – sie zeigen keine genügend tiefe Liebe zur „Mutter – Polen“, welche nach 700 Jahren endlich ihre ungeratenen Kinder auf ihre Art und Weise betreut. Meine persönliche Meinung könnte ich so ausdrücken: Diese Mutter würde ich eher als Stiefmutter betrachten und das in dem allgemein bekannten Sinn, also nicht unbedingt optimistisch. Ich kenne einen prominenten Schlesier, welcher kompatibel zur Titelgleichung ist – Kazimierz Kutz - welcher mir wohl nicht entgegen sprechen würde.
Mein Freund und Arbeitskollege Marek würde mich wohl kaum verstehen, deshalb bin ich konsequent Diskussionen über deutsch-polnische Probleme in Verbindung mit Schlesien und Schlesiern aus dem Weg gegangen. In der polnischen Nachkriegspresse (eine andere konnte ich nicht kennen) habe ich einen Artikel in der „Trybuna Opolska“ gefunden wo eine Soziologin (Berlińska) aus dem Schlesischen Institut nach gründlichen Interviews in der ganzen Oppelner Region zum Schluss kam: „Einen Schlesier zu fragen, ob er sich als Deutscher oder Pole fühle ist irgendwie ohne Sinn“.
Ich bewunderte die Ehrlichkeit und den Mut dieser Frau, denn die Zeiten waren nicht geeignet für solche Formulierungen. Ihre Schlussfolgerung modifizierte ich aber sofort durch auslassen des Wortes „irgendwie“, diese Frage hat wirklich keinen Sinn, kaum jemand kann ehrlich darauf antworten, wenigstens ich nicht. Während der so genannten „ankietyzacja“, welche der Herausgabe von Personalausweisen für alle Bewohner voranging, mussten die Befragenden diese idiotische Frage stellen – meistens in verkürzter Form: „Wie fühlst du dich?“ Natürlich bekamen sie verschiedene Antworten je nach dem wie groß der Mut oder das aktuelle Befinden der Befragten waren.
In unserem Dorf (meiner ersten Arbeitsstelle) war jemand, welcher auf die Frage: „Franzek, wie fühlst du dich?” immer gleich auf schlesisch „ożarty“ (besoffen) antwortete, was heute dem Gesundheitszustand einer „phillipinischen Krankheit“ entspricht. Ich weiß nicht, was dann von den Befragenden eigenmächtig eingeschrieben wurde, aber Franzel bekam seinen Personalausweis, starb auch in kurzer Zeit, aber das hatte nichts mit seinen nationalen Gefühlen zu tun.
Alle Probleme sollte man anhand von bekanntem und verifiziertem faktographischen Material erörtern, d. h. am besten nach Erfahrungen seiner eigenen Familie. Ich weiß nicht ob meine Eltern sich als Polen oder Deutsche fühlten, leider kann ich sie nicht mehr danach fragen. Die folgenden Fakten würden eine harte Nuss für die Historiker bei der Interpretation sein.
Vater: Geboren als Preuße, besuchte nur die deutsche Schule (in Kandrzin gab es keine polnische). Als Untertan von Kaiser Wilhelm war er Soldat, verwundet vor Verdun und befördert. Anfang September 1939 war er 3 Tage eingezogen (Wehrmacht) und zum Zivildienst entlassen. Nach dem Kriege wurde er von der lokalen Kommission nicht positiv als Pole verifiziert, und als deutscher Staatsangehöriger zahlte er von seinem kleinen Gehalt jahrelang dem polnischen Staat Kriegsentschädigungen. Ich weiß nicht ob er als Deutscher gestorben ist oder durch einen „automatischen“ Gnadenakt zum Polen umgestempelt wurde. (Angeblich nach 1950 wurden alle Bewohner Schlesiens als Polen betrachtet).
Nach meinem Wissen, hat mein Vater das nicht mehr erfahren, er war lange bettlägerig und hatte andere Sorgen – wie überleben mit 400 Zloty Rente und 80 Zloty für den Unterhalt seiner Frau.
Wie er sich fühlte (ob Deutscher oder Pole) weiß ich nicht – als Ironie des Schicksals möchte ich ansehen, dass er als Kind von selbst polnisch lesen und schreiben lernte (aus einer alten Fibel) und als einziger Bewohner unserer Stadt 1945 diese Kenntnisse aufweisen konnte. Die Kommission hat diesen Fakt nicht in Erwägung gezogen, obwohl ein durchschnittlicher Schlesier nur auf polnisch das „Vater unser“ herunterleiern musste um „Pole für 25 Zloty“ zu werden – soviel kostete die „Provisorische Bestätigung der polnischen Nationalität“. Passt er zur Titelgleichung? Die Kommission war anderer Meinung und ich bin auch nicht davon überzeugt. Andererseits hatte er immer einen Hang zum polnischen, aber nicht vollkommen. Seine in Oberschlesien wohnenden Enkel sollten zu ihm nicht „Opa“ sagen sondern auf schlesisch „starzyk“, den korrekten polnischen Ausdruck „dziadek“ akzeptierte er nicht. Nur seine in Deutschland lebenden Enkelkinder nannten ihn Opa und das fand er o.k. – das beweist eindeutig den politisch-nationalen Dualismus eines Schlesiers.
Mutter: Staatsangehörigkeit wie beim Vater, Schullaufbahn auch, mit dem Unterschied, dass die Großmutter eine polnische Patriotin war, was sich unter anderem dadurch ausdrückte, dass sie die polnische Zeitung „Katolik“ abonnierte und meine Mutter kein einziges Wort Deutsch kannte, als sie zur Schule ging. Ein kleiner Tropfen Galle befindet sich doch in dem Honig des Patriotismus, weil der Großvater ein Fan von Kaiser Wilhelm war – ein Überbleibsel vom Militärdienst. Das weitere Geschehen meiner Mutter war mit Deutschland verbunden, berufliche Ausbildung und jahrelange Tätigkeit in berühmten Kliniken Berlins und Aachens – bis zum Plebiszit. Sie fühlte sich wahrscheinlich als Deutsche, und mir wäre es nie in den Sinn gekommen, sie etwas derartig eindeutiges zu fragen. Etwas ungewöhnliches hätte mir auffallen können, dass sie mit der Nachbarin polnisch sprach damit wir nichts verstehen. Ich habe versucht dies zu unterbinden (aus purer Neugier) und ich „verschönte“ unsere Küchentür mit dem bekannten Spruch: „Hier wird nur Deutsch gesprochen“. Dafür bekam ich einen leichten Schlag mit dem Topflappen. Wie man diesen sehr wichtigen historischen Fakt interpretieren könnte, überlasse ich Profis.
Schwestern: Die älteste konnte noch ein paar polnische Worte von den Großeltern aufschnappen, die anderen nicht. Die allgemeine und berufliche Ausbildung nur in Deutsch, während dem Kriege Krankenschwester vom DRK in Lazaretten und nach dem Krieg als amerikanischer Kriegsgefangener auch in Militärkrankenhäusern. Sie kam 1946 nach Hause, mit Tränen in den Augen, es waren aber keine Freudentränen über die „Rückkehr“ Schlesiens zu „Mütterlein Polen“, sondern deshalb, weil sie das „Vater unser“ auf polnisch lernen musste – dies war die Bedingung einer positiven Verifizierung, „ergo“ der Möglichkeit in ihrer Heimat zu bleiben. Ich kann mich gut an ihr Klagen erinnern, dass sie polnisch lernen musste: „Diese Pferdesprache werde ich nie erlernen!“ Ich habe also das Recht zu glauben, dass in diesem Falle die Gleichung „Schlesierin = Deutsche“ die korrekte wäre.
Ähnlich geht es meinen anderen Schwestern, welche entweder im Kreise der Deutschen Minderheit sind oder in Deutschland wohnen. („Schlesierin = Polin“???) – kaum zu glauben.
Brüder: Meine Brüder hatten keine Probleme mit subtilen national-politischen Erwägungen, obwohl się besser deutsch sprachen als polnisch und das mit dem für mein Gehör fatalen Akzent, welchen sie nach Jahren vom schlesisch-polnischen Dialekt angenommen haben. “Po śląsku“ lernten sie von Kollegen in der Arbeit, denn zu Hause hörte man kein polnisches Wort nach dem Tode der Großeltern (außer von der schon erwähnten Nachbarin).
Probleme hatten sie erst bei Übertragungen von sportlichen Ereignissen wie Fußballspiele Deutschland – Polen oder BRD - DDR. Mein armer Bruder wusste nicht wem er den Gewinn gönnen sollte. In solchen Augenblicken, wenn die Emotionen hoch wallen sollten die „Gelehrten“ Schlesier beobachten, dass würde ihnen sehr viel sagen.
Der zweite Bruder interessierte sich wenig für Sport, aber bis heute sieht er nur deutsche Programme über Astra, und abonniert kein polnisches digitales Fernsehen. Die anfängliche Faszination für Radio Maryja gehört der Vergangenheit an. Sowohl er wie auch meine Schwestern – alle sehr engagierte Katholiken – hatten genug der Goebbelschen Propaganda von T. Rydzyk und wechselten zu wahren katholischen, deutschen Medien, KTV und Radio Horeb - dem Nachfolger des deutschen Radio Maria, welches von den deutschen Bischöfen aufgelöst wurde.
Nota bene! Der Chef von Radio Horeb kennt den sogenannten Vater T. Rydzyk sehr gut aus der Zeit als T. Rydzyk sein Lebensniveau mit schmuggeln von deutschen Gebrauchtwagen verbesserte und lehnt kategorisch den Inhalt und die Form der Sendungen des verwandten Radios ab.
Weitere Familie: Die Bestimmung der Nationalität ist in gleichem Masse schwierig, obwohl wir uns mit einem deutsch-polnischen Mischmasch verständigen, welchen viele Schlesier benutzen. Es gab Mütter, welche im Geheimem ihre Kinder Deutsch lehrten. Meine Schwägerin sagte zu ihrem Töchterchen: „Wenn wir im Bus sind, dann sag zu mir nicht Oma, sondern „babcia“. Was geschieht? Nachdem sie sich setzten fragte das Kind: „Oma, soll ich dir schon „babcia“ sagen?“ Das Lehren der Grundlagen der deutschen Sprache war ein guter Einfall meiner Schwägerin. Als das Kind viele Jahre später nach Schwaben auswanderte mit ihren eigenen Kindern, waren alle zweisprachig. Den Kindern wurde von ihrer deutschen Lehrerin sogar nahe gelegt die Sprache der Nachbarn nicht zu vernachlässigen. Ein schönes Beispiel, welches nicht in das bekannte und erwartete Bild passte – permanente Schwierigkeiten mit den deutschen Behörden (Schulen, Gerichte, Jugendämter). Ein zusätzlicher Bonus dieser Erziehung war noch das, dass meine Nichte zwischen deutschen und polnischen Kindern in der Verwandtschaft dolmetschen konnte. Jetzt sind alle erwachsen und die Verständigung läuft auf Englisch. Mein Enkel hatte es einfacher. Es existierte schon in Oppeln eine zweisprachige polnisch-deutsche Schule, wo er das Abitur machte.
Jetzt bleibe nur noch ich – Das Nesthäkchen: Ich habe mich schon oft in verschiedenen Medien und Zeitabschnitten meines langen Lebens über meine „Gefühle“ und deren Evolution ausgesprochen, ich möchte hier nur das Wichtigste zusammenfassen:
Bis Juli 1945 (meine Rückkehr von der Flucht) wusste ich nicht, das ich irgendwelche „falsche“ Wurzeln habe, ich fühlte mich als Deutscher ohne Einschränkung und das als Patriot. Die Erfolge der Wehrmacht freuten mich und machten mich stolz, jede „planmäßige Verkürzung der Frontlinie“ (Rückzug nach Hause – Abhauen vor den Feinden) und zuletzt der verlorene Krieg und Hitlers Tod trieben mir Tränen aus den Augen (mit den Tränen – das ist etwas übertrieben, aber schmerzhaft war es schon und deprimierend). Über Polen (Staat und Menschen) wusste ich nur das, was Goebbels und Leute wie Rosenberg berichteten (z. B. im „Stürmer“) und ich hatte keinen Grund nicht daran zu glauben. Von der einzigen echten Polin aus Krakau, der Freundin meiner Schwestern, hielt ich mich vorsichtshalber fern, auch deshalb, weil Leute aus Bromberg, welche mit uns im Lager lebten, die deutschen Pressemeldungen über den „blutigen Sonntag“ einwandfrei bestätigten. Meine Meinung über Polen habe ich später modifiziert anhand von direkten Kontakten, als ich schon von meinem eigenen Verstand Gebrauch machte und keine Demagogie mehr Einfluss auf mich hatte – das Letzte ist mir bis heute geblieben.
Anfang September 1945 musste ich in die polnische Schule gehen und am ersten Tage verstand ich kein einziges Wort, es ging mir so wie der Sklave Kaptah seinem Herrn Sinuhe immer sagte: „ Deine Worte sind für mein Ohr wie das Brummen einer Fliege“. Mein etwas älterer Bruder hatte es besser – er hatte Religionsunterricht und verstand „Jesus Christus“ - nicht viel, aber der Mensch freut sich.
Als meine Mutter meine Verzweifelung und mein Weinen sah, zog sie aus irgendeiner Ecke eine alte polnische Fibel hervor, welcher sich vor vielen Jahren mein Vater bediente, als er selbst polnisch Lesen und Schreiben lernte, und begann mich in die „Geheimnisse“ meiner „neuen“ Muttersprache einzuweihen (die Zweite). Sowohl in der Volksschule bis zum Abitur im Gymnasium hatte ich sehr rücksichtsvolle und wunderbare Lehrer („Vorkriegsmaterial“),welche meine Situation verstanden und beim Abitur sprach ich besser und schrieb ich korrekter Polnisch, als jetzt, nur der Wortschatz ist nicht vergleichbar, das merke ich bei Kreuzworträtseln. Im Deutschen bin ich leider auf dem etwas infantilen Stand eines zwölfjährigen Jungen geblieben obwohl vielleicht doch etwas dazu kam durch Fernsehen und Reisen. Nach jahrelangem „Ringen“ habe ich natürlich die Schönheit der polnischen Sprache und den Wert der polnischen Kulturgüter schätzen gelernt, aber immer blieb im Gehirn und Herzen die „altera pars“ und wird wohl bis zu meinem Tod dableiben. Sowohl Astra wie Hotbird werden von mir als gleichberechtigt angesehen, es macht mir keinen Unterschied aus ob ich Deutsch oder Polnisch fernsehe. Wenn mir jemand ein interessantes Buch schnell wegnehmen würde und mir die Frage stellen sollte: „war das Polnisch oder Deutsch“, könnte ich das nicht feststellen. Beim Unterhalten und sogar Schreiben übersetze ich nie (oder fast!) ich stelle nur einen virtuellen Schalter im Gehirn um.
Es ist mir etwas eingefallen: Ich hätte eigentlich noch eine dritte Muttersprache, d. h. den polnisch-schlesischen Dialekt, welcher aber von wahren Polen nicht als Sprache anerkannt wird z. B. zum Gebrauch in Schulen oder Behörden. Ich kannte diese Sprache nicht aus dem Elternhause, aber ich erlernte sie auf meiner ersten Arbeitsstelle, um mich mit den Eltern meiner Schützlinge verständigen zu können.
Ich kann also auf keine sinnvolle Weise die Elemente (Schlesier, Deutscher, Pole oder wer weiß was noch) in die „Titelgleichung“ stellen! Für mich und bestimmt auch viele Andere, müsste man eine andere Formel erfinden aber „no idea“ welche.
Bei mir ist Hopfen und Malz verloren, aber auch bei meinen Kindern kann es Probleme geben. Meine Frau stammt aus Galizien und sie hat natürlich die Töchter als polnische Patrioten erzogen (wieder die ominöse Muttermilch – es waren keine Flaschenkinder wie ich). Es war furchtbar anzusehen, als meine 4-jaehrige Tochter die Olympischen Spiele im Fernsehen verfolgte und bei jeder Goldmedaille für Polen aus dem Häuschen war vor Freude und bittere Tränen weinte wenn es „nur“ zum Silber reichte. Sie hat wahrscheinlich heute keine existenziellen Probleme mit nationalen Gefühlen, fühlt sich bestimmt als Polin obwohl sie weiß, dass irgendwo im Innern meine deutschen Gene ihr Blut „verseuchen“. Was die Titelgleichung betrifft ist sie wohl meiner Meinung – hierbei funktioniert keine automatische Eingliederung! Außerdem ist sie polyglott und hat enge Kontakte zu ausländischen Wissenschaftlern, aber komischerweise nicht zu deutschen (oder wenig). Deutsch kann sie vorläufig noch nicht (aber was nicht ist kann noch werden) und mit deutschen Verwandten spricht sie englisch.
Noch komischer ist das Los meiner älteren Tochter (obwohl es im Grunde genommen sehr traurig ist). Im gleichen Geist erzogen, war sie durch gewisse Umstände gezwungen nach Deutschland auszuwandern, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Den Sprachkursus bei Berlitz in der neuen Heimat begann sie wie ich einst, nur umgekehrt – sie verstand kein einziges Wort Deutsch. So kompliziert und unnormal ist das Los von Grenzlandbewohnern. Jeder Versuch Schlesier in speziell für uns hergestellte Schubladen zu stecken, mit bestimmten Aufklebern – hat keinen Sinn – ist sogar unmoralisch. Wir sind und bleiben bi-kulturell, was ja letztens vielleicht zu einer gewissen Nobilitierung führen könnte (wenigstens auf zwei, drei Jahre) da unser Premierminister Tusk auch zu dem Club der bi-kulturellen gehört (als Kaschube). Am besten habe ich mich immer mit Elsass-Lothringern verständigen können – sie erlitten immer dasselbe wie die Schlesier, nur die Kulturträger waren nicht immer die selben.
Meine „Tirade“ möchte ich mit einem kurzen Kommentar zu einem gefährlichen und beleidigenden Ausspruch meines Freundes Marek abschließen – ich zitiere:
„Ein Schlesier welcher sich zum Deutschtum bekennt, hat seine Menschlichkeit verloren“.
Das ist ein so großer Blödsinn, dass sich mir das Messer in der Tasche öffnen sollte, wenn ich meinen Freund nicht so gut kennen würde. Seine gewagten Sprüche sind „einsame Spitze“ , er ist aber im Grunde genommen ein sehr anständiger Kerl. Außerdem bin ich der Meinung, dass Soziologen, Ethnographen und Historiker sich anderen Untersuchungsthemen widmen sollten und sich nicht mit dem Problem „Wie fühlt sich eigentlich ein Schlesier?“ beschäftigen sollten. An ihrem Platz würde ich mich mit der Antwort zufrieden geben: „Hoffentlich gesund und munter“.
Zum Abschluss möchte ich auf einen philosophischen, sehr klugen Spruch zurückgreifen, welcher die Seekiste eines alten Matrosen schmückte – ein wahres Memento:
Das Herz einer Frau,
Der Magen einer Sau,
Der Inhalt einer Worscht,
Sie bleiben unerforscht!
Diese abgrundtiefen Gedanken passen hundertprozentig zum Herzen eines Schlesiers (beiden Geschlechts).
„Worscht” – ist als Resultat der Anwendung von „licentia poetica” zu verstehen, es geht ja natürlich um die sprichwörtliche „Wurst”. Bitte nicht im Wörterbuch oder Lexikon suchen!
P.S.
Es gibt da ein Problem „à part”, wie die Franzosen sagen würden – die Gleichstellung aller Schlesier durch Anwendung eines einzigen Ausdrucks für alle Bewohner Schlesiens. Es bestehen aber krasse Unterschiede zwischen Ober- und Nieder-Schlesien. Vor 1945 war Niederschlesien und die Lausitz mit Nachkommen der Kolonisationsbemühungen Vogt Bartolds besetzt, „leicht“ vermischt mit da lebenden Slawen. Nach dem Kriege wurden praktisch alle deutschstämmigen Niederschlesier (und Sudetendeutsche) ausgewiesen und die Gegend wurde mit einem ethnographischen Mischmasch besiedelt – sogenannten „Repatrianten“ (Heimgeführten – in doppeltem Sinn – frei nach der Verhunzung einer Nazi-Parole: „Heim, mir reicht’s“ anstatt „Heim ins Reich“) sowohl aus Sowjetrussland, Belgien, Deutschland (Westfalen), Frankreich und auch Ansiedler aus Zentralpolen. In Waldenburg war noch eine starke Gruppe Juden, ich weiß nicht ob das polnische oder deutsche Juden waren, auch eine kleine Gruppe Deutscher lebte da noch einige Jahre. So wie ich das sehe, geht es den Diskutanten der „Titelgleichung“ ausschließlich um Oberschlesien, welches ungefähr von Brieg, über Oppeln bis Kattowitz (Bahnstrecke) reicht. Die auch hier sehr komplizierte Situation der gemischten Bevölkerung aus allen Teilen Polens und deren Nachkommen lieferten das Thema meiner Überlegungen.