Interview mit Prof. Krakowski, Universität Kattowitz
Redaktion: Geehrter Herr Professor, obwohl Professor Bartoszewski zweimal Außenminister war und jetzt Berater für deutsche Fragen im Range eines Ministers ist, benutzt er keine diplomatische Sprache. Meinen Sie nicht, dass dem Ausdruck „sich blöd stellen“ Salonschliff fehlt, und noch zusätzlich, weil er auf diese Art von einer Frau oder anderen Personen spricht?
Professor Bartoszewski hat sich bei diesem Ausspruch nicht unhöflich an eine Frau gewandt, das zum Ersten. Zweitens ist das Idiom „sich blöd stellen“ zwar etwas stark betont, ist aber keine Beleidigung, es heißt genau, Du gibst vor, dass Du nicht verstehst. Die Engländer haben z.B. dasselbe Idiom „play fool“ , und es bedeutet das gleiche. Es kommt vor, dass Universitätsprofessoren sich „dumm stellen“, manchmal aus Scham, wenn sie eine unüberlegte eigene Meinung verteidigen, was eigentlich nicht vorkommen sollte, oder zielbewusst ihren Gesprächpartner zu einer neuen Argumentation zwingen wollen. Bartoszewski hat diesen Ausdruck für diejenigen Deutschen gewählt, welche angeblich die Ursachen des polnischen Protestes gegen Steinbach nicht kennen.
Redaktion: Herr Bartoszewski hat auch gesagt „weshalb den Idioten spielen”? Ist das auch ein Idiom? Außerdem hasst ganz Polen Erika Steinbach. Weshalb?
Ja, es ist dasselbe Idiom. Bitte bezeichnen Sie das Verhalten der Polen gegenüber Steinbach nicht als Hass. Die Polen verachten sie höchstens. Von den Deutschen verlangen sie nur keine Fälschungen der Geschichte. In der politischen Sphäre nahm Steinbach immer einen antipolnischen Standpunkt ein. Es war sie, welche gegen den Vertrag mit Polen war, und gegen unsere Mitgliedschaft in der EU und unseren Beitritt zur NATO.
In der symbolischen Sphäre lügt Steinbach, indem Sie sich als ausgesiedelte Deutsche darstellt, oder wie die Deutschen es lieber bezeichnen, als Vertriebene aus ihrer Heimat.
Steinbach gibt in ihrem Lebenslauf konsequent an, dass Sie in Rahmel, Westpreußen geboren wurde. Deutsche können deutsche Namen polnischer Orte benutzen wie Polen Monachium oder Drezno sagen. Rahmel ist bestimmt der deutsche Name des polnischen Ortes Rumia, eines Stadtteils von Gdynia. Die Erklärung, dass diese Ortschaft in Westpreußen liegt, ist eine einwandfreie und die Polen beleidigende Fälschung. Sie wurde nämlich in der von Deutschen besetzten polnischen Stadt geboren, als Tochter eines Unteroffiziers der Besatzungsmacht, in einer Wohnung aus welcher die Polen vertrieben und ihres Besitzes beraubt wurden. Aus Rumia wurde sie vor dem Einmarsch der Roten Armee von der Mutter evakuiert. Steinbach ist ein offensichtlich falscher Zeuge einer deutschen Benachteiligung.
Redaktion: Was den Ort Rahmel betrifft sind wir nicht ganz Ihrer Meinung. Überlegen Się bitte, woher dieser Name kommt. Es war ein jahrhundertealter deutscher Ort in Westpreußen. Bis zum 10-ten Februar 1920, als im Rahmen des in Versailles geschlossenen Vertrages polnische Streitkräfte den Polen zuerkannten Zugang zum Meer durch den sogenannten Korridor realisierten. Damals wurde auch der Name Rumia anstatt Rahmel eingeführt. Wenn doch die Polen Lipsk für Leipzig und Ratyzbona für Regensburg sagen, obwohl diese Städte niemals zu Polen gehörten, weshalb sollten die Deutschen ihre ehemalige Gebiete nicht auf deutsch bezeichnen dürfen? Ziehen Sie bitte in Betracht, dass in polnischen Pässen aus den ehemaligen Ostgebieten Polens die Geburtsorte Lwów und Wilno stehen und nicht Lviv und Vilnius.
Was Frau Steinbach betrifft, so stimmte Sie und 22 Abgeordnete im Bundestag gegen die Grenze an der Oder. Ziehen Sie in Betracht, dass Deutschland ein demokratisches Land ist und Demokraten Recht auf ihre Meinung haben. Nach der Unterzeichnung des Vertrags hat Frau Steinbach nie die Oder-Neiße Grenze in Frage gestellt. Betreffend EU war Steinbach der Meinung, dass man mit Polen erst einige nicht erledigte Probleme lösen sollte, welche in der Luft schwebten und weiteren Grund zu Missverständnissen bildeten. Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf, dass die polnische Delegation in Nizza (das ominöse „Nizza oder sterben“) darum gekämpft hat, dass die Deutschen weniger Stimmen im Europarat bekommen. Wie sollen die Deutschen dies sehen? Sollen sie auch beleidigt sein, weil Polen dagegen war?
Wenn die Polen der Meinung sind, dass man Frau Steinbach mit Verachtung strafen soll, sollten da die Deutschen nicht Herrn Kaczyński verachten, welcher mehrmals schlecht von den Deutschen gesprochen hat?
Ich habe doch die Benutzung des Ortsnamens nicht in Frage gestellt. Es ist eine unwichtige Frage. Soll ich jetzt die Teilung Polens ansprechen? Das grundlegende in der Frage, auf welches ich hingewiesen habe ist das, dass Steinbach als Tochter eines Besatzers kein Recht darauf hat, sich als aus der Heimat Vertriebene zu betrachten.
Frau Steinbach kann natürlich Ansichten haben und sie preisgeben. Es geht nur darum, dass Personen, welche sich mit Problemen beschäftigen, welche sowohl Polen wie Deutsche betreffen nicht hetzen, sondern zur gegenseitigen Verständigung beitragen können. Steinbach ist keine dem entsprechende Person.
Die Deutschen haben natürlich das Recht des Gedenkens ihnen zugefügtem Unrecht. Mit tiefem Bedauern und Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis, dass so viele prominente Deutsche den Willen zur Versöhnung mit Polen deklarieren, aber der Meinung sind, dass Steinbach die ausgesiedelten Deutschen vertreten kann. Sie aber die Polen wegen des unangebrachtem Verhältnisses ihr gegenüber belehrt. Wenn sie alle das wissen, was ich hier über Steinbach geschrieben habe, dann „stellen sie sich blöd“.
Sollte doch der BdV als Repräsentanten einen Deutschen oder eine Deutsche benennen, welche durch den Krieg ihre ehemalige Heimat verloren haben, oder einen ihrer Nachkommen. Sie sollten aber auf eine Person verzichten, welche sich nur unter die Benachteiligten einschleicht.
Sie haben die Bezeichnung „in Versailles den Polen zugesprochenen Zugang zum Meer durch den so genannten Korridor“ verwendet. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass das Hitlers Bezeichnung des polnischen Pommerns ist.
Redaktion: In Ihrer Antwort auf die zweite Frage stellten Sie den Namen des Geburtsortes von Frau Steinbach, Rahmel, in Frage. Auch gefällt Ihnen die Bezeichnung „Korridor“ nicht besonders. Sie behaupten, dass das aus der Hitlerzeit stammt. Ich erlaube mir eine historische Erklärung dazu abzugeben. Nach dem ersten Weltkrieg wollte Polen im Rahmen der territorialen Ansprüche das zu Deutschland gehörende Westpreußen (jetzt Warmia i Mazury) annektieren. Nach einem Vorschlag in Versailles wurde ein Plebiszit durchgeführt. In Masurien stimmten 98% und in Warmien 92 % der Bevölkerung für Deutschland. Die Friedenskonferenz beschloss 5 masurische und 3 „warmische“ Gemeinden Polen zu überlassen. Auf diese Weise entstand der Korridor. Hitler kam 13 Jahre später, 1933 zur Macht. Wilson (USA) und andere Teilnehmer der Konferenz waren der Meinung, dass Polen einen Zugang zum Meer haben muss. Von da an nannte man dies Korridor. Als ich zur polnischen Schule ging benutzte man immer diesen Namen.
Vor einigen Tagen starb Professor Wieczorkiewicz aus Warschau, ein Mitstreiter der SILESIA. In einem seiner Artikel vertrat er die Meinung „Polen hätte dem Bau der Autobahn und der Eisenbahnverbindung durch den Korridor, welche Deutschland mit Preußen verbinden sollte, zustimmen sollen, und nichts dagegen einzuwenden, dass Deutschland Danzig will, welches so wie so nicht zu Polen gehörte". Es war eine Freistadt. In Danzig wohnten 95 % Deutsche und nur nicht ganze 5% Polen.
Zu Frau Steinbach kehren wir in der nächsten Frage zurück.
Sie baten mich um eine Stellungsnahme zum polnischen Standpunkt in Sachen der Frau Steinbach und den Aussagen von Prof. Bartoszewski. Das habe ich im angehängten Text getan und meine Erklärungen sind damit endgültig abgeschlossen. Sie können ausschließlich den vollständigen Text veröffentlichen und ihn mit ihrem Kommentar versehen, wenn sie das für sinnvoll halten. Den Meinungsaustausch in der von ihnen vorgeschlagenen Form akzeptiere ich nicht mehr.
Aus dem jetzt geschickten Text habe ich einige weniger wichtige Sätze herausgenommen, welche bei diesem Meinungsaustausch nicht relevant sind, und nur eine Lawine von geschichtlichen Missverständnissen hervorgerufen haben.
Was ich aus dem vorgeschlagenen Verlauf des Interviews verstanden habe ist, dass wir uns in historisches Geplänkel verwickeln. Das, was für mich klar ersichtlich war, war es für Sie nicht. Auch habe ich verstanden, dass ich gezwungen wäre, bei weiteren Versionen des Interviews an die Teilung Polens, der Rolle Preußens, der Germanisierung, dem Überfall Deutschlands auf Polen, an deutsche Verbrechen in Polen usw. zu thematisieren. Ich bin kein Historiker, würde also nichts Neues zur Sache beitragen, auch keine wichtige Interpretation.
Erlauben Sie mir also, dass ich damit die Erklärung des polnischen Standpunktes in Sache Steinbach abschließe.
Redaktion: Es tut uns leid, dass Sie sich nach einigen Fragen aus dem Gespräch zurückziehen. Wir rechneten damit, dass wir gemeinsam versuchen könnten, für die Leser einige historische Gegebenheiten oder Legenden zu klären, welche sich in Polen gebildet haben oder bestehen.
An diesem Meinungsaustausch war uns deswegen besonders gelegen, weil Sie mit Ihren speziellen Kenntnissen dazu prädestiniert sind: In den 80-er Jahren arbeiteten Sie in Australien als Lehrkraft an der Griffith University in Brisbane, in den Jahren 1984-1985 als Angestellter der Research School of Social Sciences in The Australian National University of Canberra und als Lehrkraft „Ekonomiki Porównawczej“ im Canberra College of Advanced Education, in den Jahren 1988-1989 als selbstständiger wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Research School of Social Sciencies, The Australian National University in Canberra. In den Jahren 1990-1994 waren Sie Botschafter in Seul, 1994-1996 als Berater des Außenministers in der Abteilung für Studien und Planung.
Es fällt uns schwer zu verstehen, warum Sie von einem weiteren Meinungsaustausch Abstand genommen haben, wo es doch bisher keine unverständlichen Fragen gab, nur einen geschichtlicher Ansatz zum Thema. Denn, wie wir schon schrieben, möchten wir nur die Geschichte wahrheitsgemäß darstellen - und das ist uns jetzt leider nicht gelungen. Schade...