Michael Hamerla - Der Fußball und das nationale Misstrauen
Hunderttausend Menschen entschieden sich für eine Nationalität, die es offiziell nicht gibt: die schlesische. Das stärkt das Verlangen nach mehr regionaler Selbstbestimmung, aber auch den Verdacht, die alten deutschen Gebiete wollten weg von Polen. Die Konflikte entladen sich im Sport.
An den Rändern der Bürgersteige sind Bäume gepflanzt, und doch möchte man die stille Straße nicht Allee nennen. Dazu mutet sie zu bescheiden an. Die Fassaden der zweistöckigen Häuser sind geschwärzt. Solche Straßen gibt es im Ruhrgebiet. Doch an dieser parkt kaum ein Auto und auf ihr spielen Kinder Fußball. Es ist eine Straße am Rand der oberschlesisichen Industriestadt Gliwice, die bis 1945 Gleiwitz hieß. Hier steht das Geburtshaus von Lukas Podolski, hier lebt noch seine Großmutter.
Podolski kam im Alter von zwei Jahren nach Köln. Dennoch forderte ein polnischer Abgeordneter, nachdem der Bayern-Stürmer bei der Europameisterschaft zwei Tore gegen Polen schoss, diesem solle aberkannt werden, was er nicht besitzt - die polnische Staatsbürgerschaft. Der lächerliche Vorgang, den auch polnische Kommentatoren genussvoll ausschlachteten, verweist auf die politischen Komponenten, die der Fußball so oft enthält. Auch hier in Schlesien.
In der Vergangenheit gerieten schlesische Fußballer immer wieder in die Nationalitätenkonflikte zwischen Polen und Deutschen. Spielten sie für Polen, galten sie Deutschen als Verräter, spielten sie für Deutschland, wurden sie in Polen gebrandmarkt. Eine Ausstellung in Berlin, organisiert vom Gleiwitzer „Haus für deutsch-polnische Zusammenarbeit“, an deren Eröffnung auch der polnische Botschafter teilnahm, zeigt solche Schicksale. Es gibt aber neuerdings auch ein Beispiel dafür, dass die ganz enge nationale Sicht erweitert wird. In Gleiwitz’ Nachbarstadt Zabrze, die zwischen 1915 und 1945 nach dem Feldmarschall Hindenburg benannt war, erhielt ein Fußballstadion den Namen des Spielers Ernst Pohl, obwohl der nach Essen ausgewandert war. Die Namensgebung war lange umstritten. Denn die politische Aufladung des Fußballs ist nicht nur Vergangenheit.
Das erfuhren einige junge Leute, die in einer Kneipe in der oberschlesischen Bezirkshauptstadt Kattowitz beim Spiel Deutschland gegen Polen Podolskis Tore beklatscht hatten. Sie wurden verhauen. Selbst im österreichischen Klagenfurt, wo dieses Spiel stattfand, kam es auf der Seite der polnischen Zuschauer zu einem merkwürdigen Vorfall. Dort wurden zwei Männer und eine Frau attackiert, obwohl die Frau einen polnischen Fan-Schal trug. Die beiden Männer aber trugen Trikots mit dem schlesischen Adler. Die Angreifer wohnen auch in Schlesien: Stadträte aus dem Geburtsort von Miroslaw Klose, der Bezirkshauptstadt Oppole (Oppeln). Die Räte benahmen sich erst manierlich, nachdem ihnen klar geworden war, dass sie erkannt worden waren.
Solche Vorfälle registriert Jerzy Gorzelik, der Vorsitzende der „Bewegung für die Autonomie Schlesiens“. Warschauer Nationalisten unterstellen ihm gern, er wolle Schlesien erst unabhängig machen und dann an Deutschland anschließen. Als er mit einigen Gesinnungsfreunden Anfang Mai in Warschau demonstrierte, wurde in der nationalgesinnten Presse nur berichtet, dass die Demonstranten einige deutsche Ortsbezeichnungen verwendet hatten. Dass sie auch polnische Namen geschrieben hatten, blieb unerwähnt. Dabei ist Gorzelik alles andere als ein Separatist. Er möchte aber, was auch in anderen Landesteilen Polens gewünscht wird: mehr regionale Selbstbestimmung, am liebsten eine bundesstaatliche Verfassung für den nach französischem Muster organisierten Zentralstaat, der nur wenig Dezentralisation zulässt.
Brisanz erhalten Gorzeliks Aktivitäten, weil bei der letzten Volkszählung in Polen, 2002, sich mehr als 175 000 Menschen zu einer Nationalität bekannten, die es in Polen offiziell gar nicht gibt. Sie bezeichneten sich weder als Polen noch als Deutsche, sondern als Schlesier.
Gorzeliks Bewegung mit 7000 Mitgliedern und etwa 150 Aktivisten ist also alles andere als die Schau eines Einzelnen. Sie formuliert ein weit verbreitetes Gefühl. Bisweilen tritt sie - so bei Lokal- und Bürgermeisterwahlen - als Partei auf. Mit dieser Methode ist sie vor allem in der alten Kreisstadt Rybnik und deren Umgebung erfolgreich. Das mag damit zu tun haben, dass hier viele Menschen leben, die sich ihrer deutschen Herkunft verbunden fühlen. So sehr sich Gorzelik über die Wahlerfolge freut, so sehr legt er doch Wert auf Distanz zu der durch Gesetz und internationale Abkommen geschützten deutschen Minderheit. Diese vernachlässige, sagt er, die freiheitlichen, anti-totalitären deutschen Traditionen. Vor allem aber möchte Gorzelik als loyaler Pole wahrgenommen werden, der nur mehr Rechte für die Region fordert, in der er lebt. Öfter als Partei zeigt sich die Autonomie-Bewegung deshalb als Verein, der die kulturellen Eigenarten vor allem Oberschlesiens betont.
Anders als die deutsche Minderheit in Schlesien, die immer älter wird und - nachdem die urspüngliche Mehrheit geflüchtet oder vertrieben war - seit den 80er Jahren durch mehrere Ausreisewellen zusätzlich geschwächt wurde, erfreut sich die Autonomie-Bewegung regen Zulaufs vor allem junger Intellektueller. Die Bewegung will nämlich nicht nur die deutschen, sondern alle Traditionen dieses Landes - auch die tschechisch-böhmischen, die ungarischen, die der Industriekultur - im Bewusstsein halten. Sie will keine Sonderrechte für bestimmte Minderheiten, sondern regionale Selbstbestimmung: „Was für Oberschlesien wichtig ist, sollte in Oppeln und Kattowitz entschieden werden,“, sagt Gorzelik.