Migrationen der Oberschlesier nach dem Kriege – aber nicht in die UDSSR!
Von: Antoni Golly
Aus dem Titel kann man entnehmen, dass in diesem Beitrag die „fast freiwillige“ Migration der oberschlesischen Männer nicht vorkommt, welche ihren „Dank für die Befreiung Oberschlesiens aus dem national-sozialistischen Joch durch die glorreiche Sowjetarmee“, irgendwie ausdrücken wollten und am Wiederaufbau der Wirtschaft der Sowjetunion mithalfen, d.h. kurz nach dem Kriege zwangsweise in Richtung UDSSR von russischen Soldaten verschleppt wurden. Viele kamen nicht wieder, die Überlebenden beschrieben ihren Russlandtrip mit ziemlich kargen Worten, aber etwas sickerte doch durch und wir konnten uns diese Migration gut vorstellen.
Man sollte bestimmt genau nachforschen wie diese Migration anfing und auch wie sie endete. Ich stütze mich nur auf eigene Erfahrungen und kenne nur zwei Personen, welche diese „Dankestat“ überlebt haben, trotz Hunger, Kälte, Seuchen und „humanitärer“ Behandlung durch das russische Wachpersonal. Einer dieser Überlebenden war mein Onkel, welcher kurz nach der Rückkehr seinen Gebrechen erlag. Mein Onkel hatte grauenhafte Sachen erlebt und wollte nicht darüber reden, er sah schlimmer aus als die aus Auschwitz befreiten Sträflinge. Der zweite, ein Freund der Familie, ein sehr engagierter Katholik sagte zu mir: „Der russische Mensch ist eine einzige Bestie“! Er hat wahrscheinlich nichts von der bekannten russischen Gastfreundschaft und der sanften russischen Seele gehört – ich weiß dies besser aus der Literatur und der polnischen Propaganda.
Ich kann keine genauen Daten über die Etappen der Migrationen von gebürtigen Oberschlesiern Richtung „Heim ins Reich“ angeben – der Ausspruch, angepasst an die politische und wirtschaftliche Situation dieser Volksgruppe einige Jahre nach dem Kriegsende in Polen, lautete – „Heim mir reicht’s“! Diese Parole ist eigentlich sinnlos – Richtung Heimat, wenn man in der Heimat lebt? Da ich kein Chronist wie „Golly der Namenlose“ (auf polnisch „Gall Anonim“ – ein Ahne?) bin, kann man genaue Daten aus Geschichtsbüchern nehmen.
Sollte - durch wenig wahrscheinlichen Zufall - ein „normaler“ Deutscher auf diesen Text stoßen und kein in Polen lebender Oberschlesier, benötigt er einige Erklärungen um den etwas unseriösen Ausflug in die Vergangenheit zu verstehen. Gall Anonim war einer der wenigen Chronisten (der erste in Polen) aus dem Mittelalter, von welchem jeder polnische Schüler gehört hat. Mir gefiel die zufällige Koinzidenz mit meinem Namen und ich machte einen kleinen „orthographischen Fehler“ bei der Übersetzung.
Es ist bekannt, dass wohl die meisten Lügen in Geschichtsbüchern stehen und nicht in Kriminalromanen oder bei Konsalik, aber die Meilensteine der Migrationen werden wohl in die richtigen Startlöcher eingebuddelt worden sein. Die Vertreibungen begannen 1945, nach verschiedenen Quellen vor dem Abschluss der Potsdamer Konferenz, wie lange diese Etappe dauerte weiß ich nicht, ich hatte zu wenig Informationen, kein Radio, kein Fernsehen, polnische Zeitungen hat es wahrscheinlich gegeben, aber ich hätte sie so wie so nicht lesen können, außerdem wären es für mich keine glaubwürdigen Quellen gewesen. Bei uns flauten die Vertreibungen schnell ab und Ende der 40-er Jahre war der Spuk vorbei. Zu dieser Zeit machte eine Redewendung Furore und wurde unter Freunden verbreitet: „Wisst ihr, was die Abkürzung NSDAP bedeutet?“ – die Antwort war – „Nasi Są Daleko Ale Przyjdą“ (Unsere /Leute/ sind weit, aber kommen wieder) . Viele sich als Deutsche fühlenden Oberschlesier – ob ohne oder mit der Bescheinigung für 25 Zloty (d.h. der „Provisorischen Bescheinigung der Polnischen Nationalität“), hofften auf ein Wunder, welches das Jahr 1939 zurückbrächte. Langsam ging diese Hoffnung zu Ende und man zog Konsequenzen – „raus aus Polen!“. Es begann der Kampf um das Recht „vertrieben“ zu werden. Die Familie meiner Schwester bemühte sich 10 Jahre um die Ausreisegenehmigung, bis sie diese gnädigst bekam. Nicht als Vertriebene, sondern jetzt als Spätaussiedler bezeichnet, verließen sie Polen. Zu dieser Zeit war es kein „Drang nach Westen“ (Antonym zu Hitlers „Drang nach Osten“), weil dort ein Schlaraffenland war, es hatte nichts mit „Wirtschaftsflucht“ zu tun. Meine Schwester hatte in Polen Arbeit, eine zwar nur gemietete, aber schöne 4-Zimmerwohnung mit neuen Möbeln und „im größten Wartelager Europas“ (Wentorf) und etwas später in Mönchengladbach, lebte sie zwei Jahre in Fabrikhallen, eingeteilt in oben offene „Kästchen“ - je eins pro Familie. Das konnte natürlich auch Vorteile haben (leider nicht für Alle), wenn z. B. der Ehemann an der Wand lag, konnte er mit etwas Glück der Nachbarin den Popo streicheln vor dem Einschlafen. Der Kampf um Kochmöglichkeiten und überhaupt um das Überleben, zermürbte so manchen Flüchtling und stellte die Richtigkeit seiner Entscheidung in Frage.
Nach zwei Jahren derartiger Vegetation und ohne anständige Arbeit für meinen Schwager, bekam meine Schwester eine Kommunalwohnung mit eher dürftigem Standard, wo sie fast 50 Jahre wohnte. An ihrer Familie ist leider auch später das Wirtschaftswunder vorbeigelaufen ohne anzuhalten und mit dem Wunderhorn zu schütteln, aber das war ihr persönliches Pech, andere Leute können vom Glück reden. Die Ausreise war also ein patriotischer Akt mit schlimmen Konsequenzen.
Es war Anfang der zweiten Hälfte der 50-er Jahre, noch vor dem Wirtschaftswunder.
Als dieses begann wurde die Anzahl der Antragssteller immer größer, aber die polnischen Beamten zogen ein anderes Register auf. „Ihr fühlt euch als Deutsche? - bitte schön, ihr könnt rausfahren, aber zu unseren Freunden in die DDR!“. Einige meiner Verwandten fielen auf diesen Trick rein und emigrierten. Zu dieser Zeit war es noch keine gute Lösung, aber bereuen brauchten sie diese Entscheidung nicht. An Unterdrückung gewöhnt, überlebten sie die politische Knechtung in der DDR und sind heute gut dran. Als Rentner konnten sie nach Jahren noch vor dem Untergang Honeckers durch ein Loch in der Mauer nach dem Westen schlüpfen – legal. Die einzige offizielle Möglichkeit einer Ausfahrt, wenn man von der Bundesrepublik im Rahmen des „Sklavenhandels“ nicht ausgekauft wurde, bestand darin, dass man bis zur Pension Geduld übte, dann konnte man die glorreiche DDR verlassen – das war das Schlupfloch für alte Leute, welche für die DDR nicht mehr wichtig waren – sie waren ja unproduktiv! Außerdem musste man ja ihnen die Pension zahlen und hatte noch andere Druckmittel in der Hand (wahrlich keine „Treuhand“, denn die Ersparnisse der DDR-Abnegaten wurden nicht komplett transferiert nur durch viele Jahre tropfenweise überwiesen). Der Fall der Mauer wird das wohl geändert haben?
Es gab aber immer noch Leute, welche unbedingt nach dem Westen wollten und ein praktisch aussichtloser Kampf begann: Nach dem Einreichen des Antrags wurde der Antragsteller aus seiner Arbeitsstelle gefeuert – eingestuft als politisch nicht einwandfrei - und konnte sich irgendwo zum Strassen fegen verdingen (mein Cousin - ein Steiger verdiente sein Brot als Hausmeister in einem Kloster) um zu überleben bis entweder die Absage oder die Genehmigung kam. Normalerweise dauerte die Karenz einige Jahre. Während dieser Zeit konnte man langsam die angesammelten Komplexe der polnischen Staatsangehörigkeit „abschürfen“ um als Staatenloser die polnische Grenze zu überschreiten. Der Reisepass war wirklich ein „Einbahnstrassen“ Dokument, welches eine eventuelle Rückkehr unmöglich machte – man war staatenlos bis nach der Abfertigung im Übergangslager nicht weit von Helmstedt. Nach diesem Lager (Wendland), d. h. nach „Durchleuchtung“ von Spezialisten wie CIA, BND, Mosad und wer weiß wer noch kam dann die Zuteilung in ein Land, wo noch etwas Platz für solche Deutsche da war. Wie herzlich sie von den Einheimischen begrüßt wurden ist ein Problem „à part“. Meine Verwandten können ein Lied davon singen, aber wahrhaftig keine Lobeshymne!
Nach einiger Zeit kam dann die Periode der „Familienzusammenführung“ anhand eines deutsch-polnischen Abkommens (Gierek - Schmidt). Der Boom begann aber mehr Familien wurden zerrissen als zusammengeführt, aber da hatte der polnische Staat keine Schuld daran. Dieser Spuk war ziemlich schnell vorbei (das ausgehandelte Limit war wahrscheinlich erreicht), wurde aber offiziell nie gestoppt, nur erschwert durch Bürokratie – mit Absicht!
Eine Einladung musste herbei, Antrag, Warten und Absage. Dieser Zyklus wurde dann systematisch wiederholt: Neue Einladung, Warten.....usw. Es gab da Guinnessrekorde von etwa 20 Versuchen, das dauerte ein paar Jahre! Mein Bruder versuchte es 7 mal, dann gab er es endgültig auf. Meine arme Schwester musste immer wieder nach Köln fahren und die Einladung besorgen und auch bezahlen.
Wie es mit den Migrationen weiter ging hat mich nicht mehr interessiert – meine Familie war zu Genüge zerrissen – pardon - natürlich „zusammengeführt“ worden, und ich habe jetzt gute Adressen, wo ich bei touristischen Unternehmungen übernachten kann – von Hessen (Kassel) über das Rheinland (Rheydt) - alles Orte welche auf der Strecke nach Paris liegen wo ich oft hin musste. Wenn ich die kürzere Route über Prag nahm, hatte ich Verwandte in Schwaben – die Familienzusammenführung war also – trotz totaler Zerreißung - sehr profitabel für mich, eigenbrötlerisch, wie ich eben bin, war ich damit zufrieden.
Ein anderes Problem waren die Versuche, die Verwandten in Deutschland zu besuchen. Ein normaler Endeffekt eines Antrags war – Absage - mit der tiefsinnigen, sehr präzisen Begründung: „Andere wichtige staatliche Gründe“ – Paragraph 4! Humorliebend wie die Oberschlesier sind erfanden sie den Spruch: „Paragraph 4 und du bleibst hier!“. Meine Mutter war schon eine alte Frau und wollte ihre Tochter und den neuen Enkel wenigstens einmal im Leben sehen – zur Kommunion des Enkels und beantragte die Genehmigung. Wie erwartet, wurde sie von der Miliz in Oppeln mit Paragraph 4 abgespeist. Mich traf fast der Schlag und ich schrieb an Gomulka mit der Frage: „Welche, wichtige staatliche Gründe“ stehen dem Besuch der Tochter durch meine alte Mutter entgegen – Wird Polen dann doch verloren sein? (ein paraphrasierter Ausschnitt aus der polnischen Nationalhymne) weil meine Mutter ihre Tochter besuchen will? Nach kurzer Zeit kam ein Bescheid aus Oppeln, dass meine Mutter den Pass abholen kann. Unser Verwundern war groß und wuchs exponentiell, als die Miliz von selbst mit dem Vorschlag kam, weil meine Mutter schon „Alterserscheinungen“ zeigte, einer Begleitperson auch einen Pass auszustellen und meine Mutter und Schwester fuhren nach Deutschland. Es kam also zum „happy end“, ein Tropfen Galle war doch im Honig drin. Als nämlich meine Mutter mit Schwester auf der Rückreise in Zgorzelec ankamen – mit 7 Koffern voll alten Sachen, wurden sie aus dem Zug rausexpediert („gebeten“) - fast wie Rokita in München - obwohl sie sehr still saßen und 24 Stunden später (mit dem ersten, nächsten D-Zug) kamen sie nach Hause – ohne Koffer. Als wir die Liste der „geschmuggelten“ Waren lasen und die Höhe des Zolls z. B. für alte Krawatten sahen, überließen wir alle 7 Koffer dem polnischen Staat und waren froh, dass wir wenigstens die Mutter wieder hatten (Die Sachen könnten noch heute im Zoll-Lager liegen, wer weiß?). Meine Mutter war zwar untröstlich, weil sie alles für ihre Familienmitglieder geschleppt hatte und schon geplant hatte, wem sie das und dies geben wollte, konnte aber die finanzielle Hürde des Zolls nicht überspringen. Es war auch das letzte Mal, dass sie ihre Tochter gesehen hatte, diese Eskapade hat sich also doch gelohnt. Ich bin nicht hundertprozentig sicher ob Gomulka persönlich für meine Mutter gegen seine eigenen Behörden gekämpft hat (das sollte witzig sein!), aber das ist nicht relevant – mein Schreiben war kein verschwendetes Papier gewesen. Paragraph 4 hat bei uns die Bedeutung verloren, dass war aber nicht bei Allen so.
Ein marginales Problem stellten diejenigen „Übersiedler“ dar, welche wie auch immer in Transitstaaten als Touristen ankamen und dann die so genannte „Freiheit“ wählten, dieses Problem betraf aber nicht nur Oberschlesier sondern alle Polen, die entweder mit dem politischen System nicht zufrieden waren oder aus wirtschaftlichen Gründen ein Eldorado suchten. Der Weg über Österreich war ziemlich bequem (angeblicher Ferienaufenthalt im politisch befreundeten Jugoslawien) und das Lager in Traiskirchen war immer voll. Ein Problem sind jetzt die Ansprüche dieser Flüchtlinge auf ihren in Polen zurückgelassenen Besitz, weil sie mit Vertreibung und internationalen Vereinbarungen nichts gemeinsam haben. Dagegen kämpft u. A. die „Polnische Treuhand“ (Powiernictwo Polskie) mit Frau Dorota Arciszewska, der Vorsitzenden an der Spitze, welche vom Parlamentarier Niesiołowski mit dem Beinamen „polnische Erika Steinbach“ bedacht wurde.
Mein Bericht ist natürlich nicht komplett – es ist auch keine wissenschaftliche Abhandlung, es sind nur Impressionen eines „Zeugen des Geschehens“ wie Herr Bartoszwski sich selbst bezeichnet hatte – mir gefällt dieser Ausspruch sehr – vielen Dank, Herr Kollege! Herr Bartoszewski, ein europaweit bekannter, prominenter Politiker Polens, ist einer der wichtigsten „Meilensteine der Kämpfe um die Freiheit Polens aus der sowjetischen Sklaverei“ und meine etwas burschikose Art ihm zu danken, könnte als Anmaßung von mir „armen Schlucker“ - weit von jeder Politik entfernt - gelten, ich habe aber das formelle Recht dazu. Wir waren mal beide im „früheren“ Leben als Professoren angestellt, also kann ich mich seinen Kollegen nennen! Ob er zu mir auch Herr Kollege sagen würde weiß ich nicht, mein akademische Grad ist nicht schlechter als seiner, frei nach Wałęsa könnte ich sogar sagen – im Gegenteil.