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Münchner Abkommen

 

Schreiben des britischen Lords Runciman an den britischen Premierminister Sir Neville Chamberlain

Ich habe jedoch viel Sympathie für die Sache der Sudetendeutschen. Es ist ein schweres Los, von einem fremden Volk regiert zu werden, und ich kann den Eindruck nicht loswerden, daß die tschechoslowakische Herrschaft im Sudetenland während der letzten zwanzig Jahre zwar nicht tyrannisch und bestimmt nicht terroristisch, aber doch gekennzeichnet war durch Taktlosigkeiten, fehlendes Verständnis, kleinliche Unduldsamkeit und Benachteiligung, bis der Punkt erreicht war, bei dem der Unwille der deutschen Bevölkerung unvermeidlich revolutionäre Bahnen einschlug. Die Sudetendeutschen hatten auch das Gefühl, daß die tschechoslowakische Regierung ihnen in der Vergangenheit viele Versprechen gegeben hatte, daß aber daraufhin nur wenig oder gar nichts erfolgt war. Diese Erfahrung hatte zu einer Haltung unverhüllten Mißtrauens in die führenden tschechischen Staatsmänner geführt.

Zu diesen hauptsächlichen Beschwerden kamen örtliche Ärgernisse hinzu. Tschechische Beamte und Polizisten, die wenig oder gar kein Deutsch sprachen, wurden in großer Zahl in rein deutsche Gebiete versetzt; die Ansiedlung tschechischer landwirtschaftlicher Siedler inmitten der deutschen Bevölkerung auf Ländereien, die auf Grund der Bodenreform an sie übertragen wurden, wurde gefördert, für die Kinder dieser tschechischen Eindringlinge wurden in großem Maßstab Schulen gebaut; es herrscht allgemein die Überzeugung, daß bei der Zuteilung von Staatsaufträgen tschechische vor deutschen Firmen bevorzugt wurden und daß der Staat Tschechen bereitwilliger Arbeit und Unterstützung zuwies, als Deutschen. Ich glaube, daß die Klagen in der Hauptsache berechtigt sind. Selbst zu so später Zeit, wie es die Zeit meiner Mission war, konnte ich seitens der tschechoslowakischen Regierung keine Bereitschaft feststellen, diese Klagen durch einigermaßen angemessene Maßnahmen zu beheben.

…………

Zur Zeit meiner Ankunft wünschten die gemäßigteren sudetendeutschen Führer noch eine Regelung innerhalb der Grenzen des tschechoslowakischen Staates. Es war ihnen klar, was ein Krieg im Sudetenland, das selbst das Hauptschlachtfeld sein würde, zu bedeuten hätte.

...............

Ich tat mein bestes, um diese Lösung zu fördern – bis zu einem gewissen Punkt nicht ohne Erfolg, aber … ich fühlte, daß jede derartige Regelung auf Zeit abgestellt und nicht endgültig sein würde.

...............

Es ist mir selbsterweislich geworden, daß diesen Grenzgebieten zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland, in denen die sudetendeutsche Bevölkerung eine beträchtliche Mehrheit hat, sofort das volle Selbstbestimmungsrecht gewährt werden müßte. Wenn einige Gebietsabtretungen unvermeidlich sind, - und ich glaube, sie sind es – dann wäre es das Beste, dies unverzüglich und ohne Verzögerungstaktik zu tun. Die Fortsetzung des Zustandes der Ungewißheit bringt wirkliche Gefahren mit sich, sogar die Gefahr eines Bürgerkrieges. Infolgedessen liegt für eine Politik sofortigen und gründlichen Handelns aller Grund vor. Jede Art Volksbefragung oder Volksstimmung¹) hinsichtlich dieser überwiegend deutschen Gebiete wäre meines Erachtens eine reine Formalität. Die überwiegende Mehrheit ihrer Einwohner wünscht die Verschmelzung mit Deutschland. Der mit der Abhaltung einer Volksabstimmung unvermeidlicherweise verbundene Aufschub würde nur dazu dienen, die Bevölkerung noch mehr zu erregen, und das könnte höchst gefährliche Folgen haben. Ich bin deshalb der Ansicht, daß diese Grenzgebiete unverzüglich von der Tschechoslowakei auf Deutschland übertragen werden sollten, und ferner daß Sofortmaßnahmen für ihre friedliche Abtretung einschließlich von Sicherungsmaßnahmen für die Bevölkerung während der Abtretungszeit zwischen den beiden Regierungen abgemacht werden sollten.

Anmerkung:

¹) Die Tschechen wünschten keine Volksabstimmung, da sie sonst sofort auch von den Slowaken, Polen, Ungarn und Ukrainern verlangt und die Tschechoslowakei über Nacht zu einem kleinen „Tschechien“ reduziert worden wäre.

Dieser Tatbestand wurde bereits bei den Friedensverhandlungen von St. Germain erkannt.

(Quelle: Rabl, Kurt: „Das Ringen um das sudetendeutsche Selbstbestimmungsrecht“; München; 1958; S. 89).

__________

Quelle:

Curtis, Monica (ed): „Documents on International Affairs 1938“; Bd. II; Oxford, 1943, S. 218 ff.

Dokumente im Vorfeld des Münchener Abkommens

19. September 1938

Note¹) der französischen und britischen Regierung an die Regierung der Tschechoslowakei

……………

Wir (Vertreter der französischen und britischen Regierung¹)) sind überzeugt, daß der Zeitpunkt erreicht ist, an dem die weitere Einbeziehung derjenigen Gebiete, die hauptsächlich von Sudetendeutschen bewohnt sind, in den Tschechoslowakischen Staat nicht möglich ist, ohne die Interessen der Tschechoslowakei selbst und des europäischen Friedens zu gefährden.

……………

die Aufrechterhaltung des Friedens und die Sicherheit lebenswichtiger Interessen der Tschechoslowakei können nicht wirklich gesichert werden, wenn diese Gebiete nicht jetzt dem Reich angeschlossen werden.

Dies könnte entweder als direkte Abtretung oder als Ergebnis einer Volksabstimmung geschehen. (Tschechische Abneigung gegen Volksabstimmung²) bekannt.) Deswegen sehen wir bis zur Andeutung des Gegenteils vor, daß Sie es vorziehen, das sudetendeutsche Problem durch direkte Abtretung und als eigene Angelegenheit zu behandeln.

Das abzutretende Gebiet müßte wahrscheinlich alle Gebiete mit mehr als 50% deutscher Bevölkerung umfassen …

(Bereitschaft, sich an einer Garantie des neuen Staatsgebietes gegen unprovozierte Aggressionen zu beteiligen.)

Anmerkung:

¹) Diese Note ist das Ergebnis einer Beratung beider Regierungen auf Grund der ersten Deutschlandreise Chamberlains am 15. September 1938 nach Berchtesgaden; sie wurde am 21. September 1938 um 3.00 Uhr morgens in Prag überreicht.

²) Die Tschechen wünschen keine Volksabstimmung, da sie sonst sofort auch von den Slowaken, Polen, Ungarn und Ukrainern verlangt und die Tschechoslowakei über Nacht zu einem kleinen „Tschechien“ reduziert worden wäre. Dieser Tatbestand wurde bereits bei den Friedensverhandlungen von St. Germain erkannt.

(Quelle: Rabl, Kurt: „Das Ringen um das sudetendeutsche Selbstbestimmungsrecht“; München; 1958; S. 89).

__________

Quelle:

Außenministerium von Großbritannien und Nordirland: „Documents on British Foreign Policy 1919-1939“; 3. Reihe; Band II; London; 1949/50; Seiten 937, 956, 961.

21. September 1938

Die Annahme des französisch-britischen Planes vom 17. September 1938¹) durch die Tschechoslowakei

Die tschechoslowakische Regierung wurde durch die Umstände und die drängenden Bitten der französischen und britischen Regierung, die deren Mitteilung vom 21. September 1938 folgten, gezwungen, die französischen und englischen Vorschläge – wenn auch mit schmerzlichen Gefühlen – anzunehmen. Die tschechoslowakische Regierung unterstellt dabei, daß diese beiden Regierungen alles tun werden, um bei der Anwendung ihrer Vorschläge alle lebenswichtigen Anliegen des tschechoslowakischen Staates zu wahren. Sie (d. h. die tschechoslowakische Regierung) stellt mit Bedauern fest, daß diese Vorschläge ohne Rücksprache mit der tschechoslowakischen Regierung erarbeitet wurden.

Sie (d. h. die tschechoslowakische Regierung) bedauert zutiefst, daß ihr Vorschlag eines Schiedsverfahrens nicht angenommen wurde. Sie (d. h. die tschechoslowakische Regierung) nimmt sie (d. h. die obigen Vorschläge) als eine Einheit an, wobei das Prinzip der Garantie – wie es in der Note formuliert wurde – unterstrichen wird …

Es ist offensichtlich, daß die französisch-britischen Vorschläge davon ausgehen, daß alle Einzelheiten der praktischen Durchführung dieser Vorschläge im Einverständnis mit der tschechoslowakischen Regierung festgelegt werden.

Anmerkung:

¹) Der Plan wurde am 21. September 1938 um 3.00 Uhr morgens dem ts. Staatspräsidenten Beneš durch den englischen und französischen Botschafter im Prager Hradschin überreicht; die hier wiedergegebene Antwort erging um ca. 17.00 Uhr.

__________

Quelle:

Ausßenministerium von Großbritannien und Nordirland: „Documents on British Foreign Policy 1919-1939“; 3. Reihe; Band II; London; 1949/50;Seite 1005.

 

Rede Adolf Hitlers im Sportpalast in Berlin

Angesichts der Erklärung Englands und Frankreichs, sich nicht mehr für die CSR einzusetzen, wenn nicht endlich das Schicksal dieser Völker anders gestaltet würde, und die Gebiete freigegeben würden, fand Herr Beneš einen Ausweg. Er gab zu, daß diese Gebiete abgetreten werden müssen. Das war seine Erklärung! Aber was tut er? Nicht das Gebiet trat er ab, sondern die Deutschen treibt er jetzt aus und das ist jetzt der Punkt, an dem das Spiel aufhört!

… Ich habe nur weniges zu erklären:

Ich bin Herrn Chamberlein dankbar für all seine Bemühungen. Ich habe ihm versichert, daß das deutsche Volk nichts anderes will als Frieden; allein ich habe ihm auch erklärt, daß ich nicht hinter die Grenzen unserer Geduld zurückgehen kann.

Ich habe ihm weiter versichert und wiederhole es hier, daß es, - wenn dieses Problem gelöst ist – für Deutschland in Europa kein territoriales Problem mehr gibt!

Und ich habe ihm weiter versichert, daß in dem Augenblick, in dem die CSR ihre Probleme löst, das heißt, in dem die Tschechen mit ihren anderen Minderheiten sich auseinandergesetzt haben, und zwar friedlich und nicht durch Unterdrückung, daß ich an dem tschechischen Staate nicht mehr interessiert bin.

Und das wird ihm garantiert! Wir wollen gar keine Tschechen! Allein ebenso will ich nun vor dem deutschen Volk erklären, daß in Bezug auf das sudetendeutsche Problem meine Geduld jetzt zu Ende ist …

__________

Quelle:

Berber, Fritz: „Das Diktat von Versailles, Entstehung – Inhalt – Zerfall“; Essen; 1939; S. 1607 ff.

Weitere Hintergründe werden im Sonderdruck 2008 der Sudetenpost „70 Jahre Münchner Abkommen 1938 und das Schicksal der Sudetendeutschen“ veröffentlicht.

ARD-Film „Die Sudetendeutschen und Hitler“, 1. Teil - Heim ins Reich

In der ARD-Sendung ist interessantes Bildmaterial zu sehen gewesen. Neben der Begeisterung des Großteils der deutschen Bevölkerung über das Münchener Abkommen wurde gezeigt, dass viele Tschechen aus den abgetretenen Gebieten flüchteten, vor allem kamen auch Angehörige der deutschen Bevölkerungsgruppe zu Wort, die gegen den Strom schwammen und nun zu Opfern wurden.

Zurecht wurde auf die Tschechisierung und Diskriminierung (Schulen, Arbeitsplätze) hingewiesen. Was hingegen nicht gezeigt oder gesagt wurde, sind die 15-jährigen Bemühungen um Anerkennung der Rechte der nicht-tschechischen Volksgruppen in der ehemaligen CSR. Betroffen waren ja neben den Sudetendeutschen vor allem auch die Ungarn und Ruthenen sowie auch die Slowaken (mit denen zusammen sich die Tschechen als Mehrheitsvolk das Recht nahmen, einen tschechischen Einheitsstaat zu schaffen in dem sie mit den Slowaken zusammen die Mehrheit bildeten). Als endlich auch Vertreter der Deutschen im tschechischen Parlament saßen, waren sie hoffnungslos in der Minorität. So ein Zustand nährt Frustration und von dieser Frustration profitierte Hitler in seiner Aggressivität. Was auffiel ist, dass der Name von Edvard Beneš gar nicht erwähnt wurde. Dieser Mann hat sich erst in allerletzter Stunde und unter Druck von England und Frankreich bereit gefunden, den Sudetendeutschen jene Rechte einzuräumen, die man ihnen vor 20 Jahren hätte geben müssen. Aber man wollte ja einen tschechischen Einheitsstaat schaffen!

 



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