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Prof. Jan Przewlocki - Die Situation Schlesiens nach seiner Teilung nach dem I. Weltkrieg

 

Die Vorkommnisse der ersten Jahren nach dem Friedensvertrag mit Deutschland im Jahre 1919 zeigten, daß das gegenwärtige ökonomische und gesellschaftlich-politische Leben der westlichen Welt viele Lücken und Schwächen aufweist. In dieser Situation war der Erhalt einer einheitlichen Linie der Großmächte gegenüber Deutschland, der Grundvoraussetzung für die Funktionstüchtigkeit des geschaffenen Systems, in der Praxis unerreichbar. Der Zerfall dieses System hatte seine Anfänge schon ganz früh, nämlich im Moment der Nichtratifizierung der Versailler Verträge durch den Kongress der Vereinigten Staaten. Auf diese Entscheidung des Washingtoner Kongresses hatten die sich im amerikanischen Volk verbreitenden Isolierungstendenzen unweigerlich ihren Einfluß, aber gleichzeitig war es auch das bedeutungsvoll-kritische Verhältnis zu den Versailler Entscheidungen. Direkt drückten das die Kongressmitglieder aus, welche in einer hitzigen Diskussion die Unvollkommenheit des Vertrages und seine unpräzisen Formulierungen aufzeigten, wie auch seine angeblich zu weit fortgeschrittenen Einseitigkeit. Besonderer Kritik unterworfen waren die zu beschwerlichen – nach Auffassung der Diskussionsteilnehmer – dem Reich auferlegten finanziellen Verpflichtungen wie auch einige andere, vornehmlich polnisch-deutsche Grenzentscheidungen betreffend.

Die Entscheidung des Kongresses brachte sehr ernste Konsequenzen mit sich. Es war vor allem die Schwächung der Verbündeten, der Gegner des besiegten Deutschlands.

Weiter wurde dadurch auch die Vereinbarung der angelsächsischen Kräfte ungültig, welche eine Unverletzlichkeit der französischen Ostgrenzen garantieren sollte und die Berliner Propaganda erhielt ein zusätzliches Argument bei den Auseinandersetzungen rund um die Friedensvereinbarungen. Washingtons Standpunkt sorgte für ein starkes Echo in Europa, vor allem in London und Rom.

Wie oben erläutert, hat London schon während der Friedenskonferenz in Paris eine Tendenz zum Schutz Deutschlands an den Tag gelegt – wie man sagte – vor der französischen Eroberungslust. Die Entscheidung des amerikanischen Kongresses stärkte diese Standpunkte der englischen Regierung und fand ein breites Echo in der britischen Bevölkerung – bei der die Meinung über die Notwendigkeit der Änderung einiger Festlegungen des Friedensvertrages immer stärker Fuß fasste. Artikel und Pressepublikationen, inspiriert des öfteren durch der Regierung in London nahestehende Kreise, zeigten die Richtung eventueller Änderungen. Schon am 10. Dezember 1921 veröffentlichte der „Manchester Guardian“ einen Protest gegen die Oktoberentscheidung des Völkerbundes über die Teilung Oberschlesiens. In diesem, durch hervorragende Mitglieder der Labour Party, wie z.B. Frank Hodges, dem Sekretär der Bergmännischen Gewerkschaft oder George Landsbury, einem Mitglied der Exekutive, wurde festgestellt, daß die Teilung Oberschlesiens und die Übergabe der östlichen Region an Polen, für die Zukunft den Keim eines Krieges, wie auch die Verhinderung einer regelmäßigen Entwicklung dieser Region ist.

Einen ähnlichen Geist zeigten die 1922 publizierten Artikel im „Daily Express“ und sogar in der „The Times“. Diese Überzeugungen gewannen Befürworter, und die polnische Botschaft in London berichtet von sich immer wiederholenden Auftritten für eine Änderung der polnisch-deutschen Grenze.

Zum Objekt ständiger Attacken journalistischer und politischer Kreise in London, schon von der Hälfte 1921, wurden Angelegenheiten der Entschädigung und Reparationen. Ohne Zweifel waren diese Attacken durch wirtschaftliche und Ökonomische Verbände inspiriert. Denn diesen war an einer schnellen Stabilisierung des deutschen Binnenmarktes und seiner Einbeziehung in den europäischen Warenaustausch gelegen. Und diese Bestrebungen fanden auch eine breite Anerkennung in Kreisen jener Politiker, welchen die französische Hegemonie auf dem alten Kontinent ein Dorn im Auge war.

Während zahlreicher internationaler Konferenzen 1921/1922 versuchten britische Politiker die französischen Unterhändler von der Unabwendbarkeit der Modifizierung einiger, die Finanzen betreffende Paragraphen des Friedensabkommens, zu überzeugen. Der französische Widerstand führte zu einer Verschlechterung zwischen den verbündeten Staaten, was wiederum die Vertiefung der Uneinigkeit bei den westlichen Mächten zur Folge hatte.

Die Unzufriedenheit über die Regelungen des Friedensvertrages war in den wirtschaftlichen und politischen Schichten Italiens ziemlich ausgeprägt. In den politischen Kreisen Roms wurde die Billigkeit der Entscheidung über die Ostgrenze des Reiches in Frage gestellt. Man war der Überzeugung, daß der Vertrag von Versailles der jungen polnischen Republik ein zu großes und unbegründetes Entgegenkommen gewährt hat. Das betraf Pommern und Oberschlesien. Die italienischen Publizisten waren in dieser Angelegenheit mit ihren Londoner Kollegen einer Meinung, nämlich, daß die Teilung des oberschlesischen Gebietes zu einer ernsten politischen Verschärfung in diesem Teil Europas geführt hat.

Im Zusammenhang mit dem Jahrestag des III. schlesischen Aufstands im Mai und Juni 1922 erschienen in der römischen Presse Artikel, in welchen die bewaffneten Zusammenstöße zwischen Polen und italienischen Soldaten, in welchen mehr als 10 der letzteren getötet wurden, zur Sprache kamen. Gleichzeitig erinnerte man an die für die Deutschen positiven Ergebnisse der Abstimmung und daß die Zuteilung der östlichen Gebiete an Polen ausschließlich durch den Standpunkt der Franzosen zustande kam. Denn diesen war an der Vereinnahmung der oberschlesischen Kohle gelegen. Ähnlich dachte man auch in den politischen Kreisen Italiens. Die offiziellen Regierungskreise schätzten dies alles als eine der Bekämpfungsmethoden zur Wirksamkeitschwächung der Friedensverträge.

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