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Das Denkmal der polnischen Aufständischen

Von: Ewald Stefan Pollok

Ich saß auf der obersten Treppe des Amphitheaters in St. Annaberg und schaute in die Tiefe, wo einst die weltweit bekannten polnischen Ensembles “Śląsk” und “Mazowsze” und  das große chinesische Volksensemble in der farbigen Pracht ihrer Trachtengewänder auftraten. Obwohl alles bereits über vierzig Jahre zurückliegt, kann ich mich noch ganz gut an den Tanz eines riesigen bunten chinesischen Drachens erinnern. Es war eine der großen, pompösen politischen Feiern, wie sie so oft anläßlich des Jahrestages des Ausbruchs des 3. Schlesischen Aufstands, des Jahrestages der Beendigung des 2. Weltkriegs oder anderer wichtiger historischer und politischer polnischer Begebenheiten, darunter auch Friedenskundgebungen, veranstaltet wurden. Die Bahnhöfe in der Umgebung: Deschowitz (Odertal), Leschnitz (Bergstadt), Schimischau (Heuerstein), Groß Strehlitz u. a. waren überlastet. Sonderzüge brachten die potentiellen Teilnehmer und Zuschauer aus Gleiwitz, Kattowitz, Ratibor, Tarnowitz, Beuthen, Oppeln und vielen anderen Städten zum propagandistischen Reigen herbei, denn solche Kundgebungen mußten doch durch massenhaften Zulauf wirken. Manchmal waren es nach Angaben der Presse bis zu 300.000. Alle wollten in jeder Hinsicht versorgt werden. An Zeit- und Kostenaufwand wurde nicht gegeizt. Es war kein Problem, zu den Vorbereitungsarbeiten Gruppen aus verschiedenen Betrieben zu rekrutieren. Auf diese Weise wurde der Welt gezeigt, wie die Polen die Jahrestage der Aufstände zu feiern wußten und daß sie, im Einklang mit dem “Großen Bruder” aus dem Osten, intensiv für den Weltfrieden demonstrierten, wenn es gerade zur politischen Lage paßte.
Mit den Gedanken in die Kindheit zurückschweifend, erinnere ich mich noch, wie man an langen Herbst- und Winterabenden beim Federnschleißen verschiedene Legenden und Sagen erzählte. Eine blieb mir besonders im Gedächtnis: Vor vielen Jahren wohnten in der Gegend um den St. Annaberg zwei Götter, ein guter und ein böser. Das Land war von Bauern und Hirten bewohnt. Einer der Hirten weidete seine Kühe im Kuhtal (auf wasserpolnisch - Krowiok), einem Tälchen an der Bergflanke. Wenn das Vieh ruhig graste, zog er seine selbst geschnitzte Flöte heraus und spielte darauf. Der frohe, einfache und arbeitsame Mensch erfreute den guten Gott. Zum Dank dafür verlieh dieser der Flöte die Zauberkraft, Kühe in Steine verwandeln zu können und umgekehrt. Der Hirte nutzte diese Möglichkeit. Besonders vor Einbruch der Nacht verwandelte er die Kühe durch sein Flötenspiel in Steine und verhinderte dadurch, daß sie in der Nacht von Wölfen oder Bären gerissen wurden. Diese großen Raubtiere waren nämlich zu damaliger Zeit in unseren Gegenden keine Seltenheit. Der Bauer war mit seinem Hirten sehr zufrieden.
All das ärgerte den bösen Gott. Eines Tages saß der Hirte vor seinem Häuschen auf einer Bank und spielte auf seiner Zauberflöte. Gegen Abend verwandelte er wie gewöhnlich seine Herde zu Stein. Da kam der böse Gott und verwandelte auch ihn in einen Stein.
Die Gegend blieb unbewaldet. Die Grasflächen an den Berghängen dienten Kühen und Schafen als Weide. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts konnte, wer aufmerksam hinsah, in den großen Steinen im Kuhtal die Umrisse der verzauberten Herde samt Hirten erkennen.
In den dreißiger Jahren beschloß die damalige “braune Staatsgewalt”, ein Ehrenmal zum Gedenken der Teilnehmer und der in den drei schlesischen Aufständen Gefallenen, den Verteidigern des deutschen Schlesien, zu errichten. Lange suchte man nach einem geeigneten Ort und erachtete den St. Annaberg letztendlich als optimal.
Die Eigentümerin von Zyrowa, Gräfin Mary von Francken-Sierstorpff, schenkte im  Namen ihres Sohnes der Erbberechtigt war, für diesen Zweck das Gelände des Steinbruchs im Kuhtal. Hier befanden sich zwei Kalköfen. Ringsumher gab es nur Steppenvegetation. Erst während der Bauzeit wurde das Gelände mit Bäumen bepflanzt. An derselben Stelle, wo die eben erwähnte Sage sich abspielte, begann man am 14. Juli 1934 mit den Bauarbeiten des Amphitheaters. Mit einer Fläche von 20.250 qm war es für 50.000 Personen vorgesehen. Die Baupläne fertigten die Architekten Franz Böhmer und Georg Petrich aus Berlin. Am 23. August 1936 wurde der Grundstein des Denkmals über der Steilwand des Steinbruchs gelegt. Gleichzeitig wurden unweit des Denkmals eine Jugendherberge gebaut und Plätze für Zeltlager der damaligen Jugendorganisation angelegt. Die Gesamtfläche des Parkgeländes betrug 38 Hektar.
In seiner Konzeption hatte das Denkmal eine runde Grundfläche. Von außen wurde die Wand durch 12 Pilaster verstärkt. Der Innenraum war mit ca. 300 qm bunten Keramikmosaiken ausgelegt. Von oben fielen durch entsprechende Öffnungen im Gewölbe Sonnenstrahlen auf die Mosaikflächen, welche dann in verschiedenen Farben aufleuchteten. In der Raummitte wurde die Skulptur eines entblößten, knienden Kriegers postiert.
Als Symbol für alle Gefallenen des Freikorps, wurden am 2. April 1938, während einer pompösen Festveranstaltung, in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre, in einem Fackelzug 50 Sarkophage gefallener Freikorpskämpfer in das Denkmalinnere gebracht und dort aufgestellt. Die Namen dieser 50 wurden in die Wandfläche eingemeißelt. Vor mir liegt ein Foto, auf dem man noch zwei Namen ablesen kann, mehr hat die Kamera nicht erfassen können. Es sind: Franz Gatzka und Felix Gebauer.
Die offizielle Eröffnung fand am 22. Mai 1938, begleitet von entsprechenden Reden, statt.
Nach dem Krieg, im Jahre 1945, sprengten polnische Soldaten das Ehrenmal mitsamt den 50 Sarkophagen in die Luft.
Im Frühjahr 1946 wurde ein Wettbewerb für ein neues, jetzt polnisches Denkmal ausgeschrieben. Den ersten Preis gewann Xawery Dunikowski, ein bekannter polnischer Bildhauer der älteren Generation. Mehrmals wurde die Konzeption geändert. Anfangs sollte es die Geschichte Schlesiens und die Kämpfe der hiesigen Bevölkerung beinhalten. Bald aber änderte man alles und daraus wurde das Aufständischen- Denkmal, welches die Geschichte der Schlesischen Aufstände darstellen sollte. Auch das gefiel den damaligen Machthabern nicht besonders. Letztendlich beschloß man: Es wird ein Aufständischen-Denkmal, aber gleichzeitig ein Denkmal der Kämpfer für Freiheit und Demokratie und darüber hinaus ein Denkmal der Befreiung Schlesiens.
Das Denkmal nimmt den Platz des gesprengten deutschen Ehrenmals ein. Sein Schöpfer war, wie schon gesagt, Xawery Dunikowski, ein Herr von über siebzig Jahren. Für dieses Werk wurde er mit dem höchsten Staatspreis ausgezeichnet. Gleichzeitig fiel er aber in Ungnade bei den hiesigen Müttern und Vätern, weil er sich allzusehr für die jungen Mädchen interessierte. Diese Zuneigung war keineswegs nur platonischer Art, denn eine besondere Abordnung der Einwohner des Dorfes St. Annaberg begab sich nach Kattowitz zu Oberst J. Zietek, dem damaligen Wojewoden, mit einer Klage.
Am 19. Juni 1955 feierte man die Enthüllung des Denkmals durch den damaligen polnischen Staatsratsvorsitzenden A. Zawadzki. Es wurden selbstverständlich auch zu diesem Anlaß viele Reden gehalten, aber niemand von den Rednern erwähnte auch nur einmal den Initiator und politischen Führer der Aufstandsbewegung: Wojciech Korfanty! Zu dieser Zeit war er wieder einmal bei Regierung und Partei in Ungnade gefallen.
Das polnische Denkmal prägen vier mächtige Pfeiler, umrahmt von einem Architrav. Die Außenseiten der Pfeiler zeigen Kampfszenen aus der Geschichte Schlesiens. Gehen wir um das Denkmal herum, so sehen wir mit Lanzen bewaffnete Krieger und eine Aufschrift NIEMCZA (Nimptsch) 950. Weiter sehen wir schlesische Aufständische auf dem Weg in den Kampf. Protestierende schlesische Arbeiter gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Einen Schulstreik von 1934. Germanische Gewalttaten an der schlesischen Bevölkerung. Den Befreiungszug der Roten Armee und der polnischen Einheiten im Jahre 1945. Arbeiter und Vertreter der werktätigen Intelligenz bei einer Kundgebung für den Weltfrieden.
Beim Bau des Denkmals vergrößerte man den Park auf 67,76 Hektar.
Sollte wieder einmal die Frage aufkommen, warum schildert er das alles, antworte ich kurz: Ich decke die Geschichte eines kleinen Teils des oberschlesischen Landes auf. Die wahre Geschichte. Bisher schrieb man in den vergangenen 50 Jahren, wie gewohnt, nur über den polnischen Teil, aber dieses Land hat doch auch eine andere, nicht-polnische Geschichte! Schade, daß Historiker beim Verfassen von Abhandlungen, Desideraten, Büchern nicht daran denken!
Eines Sonntags weilte ich in der Nähe des Denkmals und stellte zufällig Vorbeigehenden die Frage: »Was meinen Sie, befand sich vor dem Krieg an dieser Stelle bereits etwas, oder begann man erst nach dem Krieg mit dem Bau eines Denkmals?«
Von 114 Befragten kannten ganze zwei eine kurze Geschichte dieses Ortes. Etwas wenig. Das ist kein Wunder, weil nie darüber geschrieben wurde, ausgenommen von F.A. Marek und Bischof Bolesław Kominek, von welchem folgender Satz stammt: ”Im Jahre 1945 kehrten die Franziskaner auf ihren St. Annaberg zurück. Sie nahmen das Kloster in Besitz und das Nazidenkmal sprengten sie in die Luft.”  Das ist totaler Unsinn! Die Franziskaner haben nichts gesprengt. Das haben polnische Soldaten besorgt. Das Buch wurde nach dem Tod des Bischofs herausgegeben. Ich hege den Verdacht, daß die Zensur hier am Werk war und das Ende des Satzes dazugeschrieben hat. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß ein Geistlicher solch hohen Ranges die Sprengung von Särgen samt Toten, und das noch durch Franziskaner, befürworten könnte! Obwohl ich andererseits einige Sätze in diesem Buch kaum verstehe und mir einige Handlungen nicht erklären kann. Man muß sehr viel Haß gegen die deutschen Schlesier hegen (als Geistlicher?!), um zum Anreger des Verbots von deutschen Messen zu werden. Als er am 16. Oktober 1966 im Trebnitzer Sanktuarium, am Grabmal der hl. Hedwig, anläßlich des Milleniums der polnischen Kirche eine Predigt hielt, erwähnte er mit keinem Wort, daß sie Deutsche war! Ein Satz aus dem Mund des Bischofs hätte geholfen zu verstehen, daß nicht alle Deutschen schlecht waren und sind.
Prof. Marek aber schrieb: ”Im Jahre 1938 beendete der Reichsarbeitsdienst den Bau des Amphitheaters auf dem St. Annaberg. Zum Denkmal, das im Hinweis auf altgermanischen Brauch Thingstätte genannt wurde, brachte man in Kisten Erde von verschiedenen deutschen Schlachtfeldern. Aus allen Himmelsrichtungen kamen uniformierte Einheiten der Wehrmacht, der Hitlerjugend und militärnaher Organisationen. Die Kästen wurden bei Trommelgewirbel und Fanfarengeschmetter meistens nachts im Feuerschein der bei den Nazis beliebten Fackelzüge herbeigetragen.” Prof. Marek vergaß hier hinzuzufügen: ”und fünfzig Särge der Gefallenen”, denn das paßte nicht in das Konzept der Nachkriegssprengung.
Schade, daß polnische, und genauer gesagt, schlesische Historiker (hier meine ich Wissenschaftler aus dem Oppelner, Kattowitzer und Breslauer Gebiet) sich das jetzige Denkmal nicht einmal eingehender ansehen! Seit seiner Enthüllung sind bereits über fünfzig Jahre vergangen, doch irgendwie hat bis heute niemand auf gravierende inhaltliche Irrtümer, die auf dem Monument verewigt sind hingewiesen. Ich wenigstens konnte nirgends etwas zum Thema dieser Fehler herauslesen.
Schauen wir uns den ersten Pfeiler an, auf welchem sich Krieger und die Inschrift Niemcza 950 befinden. Ich versuchte zu erfahren, was das für ein Datum sei und was es bedeuten soll. Nirgends stieß ich auf irgendwelche Erklärungen. Ich fragte Geschichtslehrer, Reiseführer, ich blätterte im Führer vom St. Annaberg. Nichts! Obwohl doch! In einem Buch fand ich die Erläuterung: Man wies auf die Verteidigung von Nimptsch (Niemcza) hin, über welche der deutsche Chronist Thietmar von Merseburg geschrieben hätte... Und wie war es tatsächlich?
Im Jahre 950 gehörte Nimptsch (Niemcza) zum Herzogtum Böhmen. Erst 990 eroberte der Polenherzog Mieszko I. diese Stadt für Polen. Über die Kämpfe zwischen den Verteidigern von Nimptsch und den angreifenden Deutschen schrieb Bischof Thietmar. Aber diese Kämpfe fanden erst im Jahre 1017 statt und nicht im Jahre 950. Eine Kleinigkeit? Dies ist ein Unterschied von 67 Jahren. Es ist doch peinlich, die Geschichte des eigenen Landes nicht besonders genau zu kennen!
Wozu unterstreicht man an solch wichtigem Objekt aus der Luft gegriffene Daten? Wo waren damals die schlesischen Historiker, geschweige jene, die sich mit der Geschichte ganz Polens befassen? Warum deckte Herr Marek diese Fehler nicht auf, als er über die Aufstände schrieb? Es dürfte für ihn eine sehr interessante Aufgabe sein!
An dem zweiten Pfeiler sind vier Frauen, ein Mann und vier Kinder mit dem Datum 1934 zu sehen. Dies soll an die polnischen Schulstreiks in Schlesien erinnern. Bedauerlich, daß man auch hier ein imaginäres Datum eingemeißelt hat. Die Streiks im Schulwesen fanden im Jahre 1920 statt!  Die übrigen Szenen erspare ich mir. Womöglich käme ich zu der Erkenntnis, daß auch da etwas nicht stimmt!



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