Lech Kryształowicz - Historiker und die Kreuzritter
Kreuzritter waren nicht nur Deutsche und das Schloss Marienburg sieht nicht mehr so aus wie im Mittelalter. Über Mythen und Fakten rund um Tannenberg haben Wissenschaftler in Sensburg diskutiert.
Die Mitte Juni in Sensburg abgehaltene Fachtagung der Ermland-Masurischen Universität (UWM) galt dem Kreuzritterorden, das heißt dem Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem.
"Historiker haben bereits in der 70er Jahren den Mythos widerlegt, dass die Kreuzritter Deutsche gewesen seien", sagte Dr. Jan Gancewski, Historiker der UWM und Organisator der Konferenz. "Dieser Mythos führte zu der gedanklichen Abkürzung, dass das Dritte Reich in der Nachfolge des Deutschen Ordens gestanden habe,. Jedoch nach wie vor lebt diese Ansicht im Bewusstsein vieler Menschen sowohl in Polen wie in Deutschland fort. Der Pole assoziiert den Kreuzritter mit dem Bösen, der Deutsche (seit Bismarck) mit Tapferkeit und Stärke.
Die Wirklichkeit im Orden war anders: In den Konvent waren Geistliche Brüder und Ritterbrüder sowie auch Halbbrüder verschiedener Volkszugehörigkeit, u.a. Polen, Litauer und Preußen. Wie Dr. Gancewski erläuterte, waren am Höhepunkt der Ordensmacht (Anfang des 15. Jahrhunderts) etwa 800 bis 1000 von mehr als 10.000 Menschen, die mit dem Deutschen Orden in Verbindung standen, im Konvent vereint. Deutsche machten in dieser Gruppe 10 Prozent aus. Der Rest waren gedungene Ritter, darunter Tschechen, Polen, Dänen, Franzosen und Litauer. In der Schlacht von Tannenberg (Grunwald) im Jahr 1410 haben also auch Polen gegen Polen gekämpft.
Laut Professor Sven Ekdahl, einem schwedischen Forscher und Lehrbeauftragten der Universitäten von Göteborg und Berlin, wurden chronistische Schilderungen vielfach für politische und ideologische Zwecke ausgenutzt. Deshalb wurden auch bei dieser Schlacht die Zahlenstärke der Heere und die Bewaffnung zu hoch angegeben.
Heute wird die Zahlenstärke aller Heere, die auf beiden Seiten an der Schlacht beteiligt waren, auf ca. 50.000 Mann geschätzt, davon ca. 30.000 im polnisch-litauisch-tatarischen und ca. 20.000 im Ordensheer. Die Polen waren schlechter bewaffnet, hatten aber mehr Fußvolk und leichte Reiterei. Sie gewannen dank ihrer Taktik, indem sie dem Feind eine Falle stellten. Die Berichte von einem Kanonenfeuer der Ordensritter, das Polen und Litauer niedermähte, waren ebenfalls übertrieben. Die Geschütze des Ordens waren unausgereift und machten hauptsächlich ein Getöse, das die Pferde erschreckte, den Fußtruppen und reitenden Ritter indes nicht abträglich war.
Die Mythen, die um den Deutschen Orden und die siegreiche Schlacht von Tannenberg angewachsen sind, wurden von den Polen Jahrhunderte lang dazu benutzt, die Moral zu heben, sei es in der Zeit der Teilungen, sei es im Zweiten Weltkrieg und danach. In Deutschland hingegen nutzte nicht zuletzt Otto von Bismarck, der preußische Premierminister und deutsche Bundeskanzler, die Vision eines tapferen deutschen Kreuzritters für seine Politik.
Auch Künstler und Architekten beider Seiten haben daraus geschöpft. In Polen haben der Schriftsteller Henryk Sienkiewicz, Verfasser von "Die Kreuzritter" und der Maler Jan Matejko am stärksten zur Festigung des unwahren Kreuzritter-Mythos beigetragen. In Deutschland tat dies u.a. der Architekt Konrad Steinbrecht. So hat Steinbrecht laut Professor Udo Arnold, einem deutschen Forscher von der Universität Bonn, als um das Schloss Marienburg rekonstruiert wurde, dafür gesorgt, dass es auch vergrößert wurde. Dazu hatte er Türme entworfen die den ursprünglichen gegenüber höher waren, auch die Mauern wurden dicker gebaut. Das massive Schloss war konzipiert als Sinnbild einer fortdauernden deutschen Macht.
Seit mehreren Dutzend Jahren sind polnische und deutsche Historiker in ihrer Einschätzung über die Rolle des Ordens und Preußen einig. Dieser hat zur zivilisatorischen Entwicklung des Landes beigetragen und dessen Geschichte auf Jahrhunderte hin beeinflusst, so Dr. Gancewski.