Fim "Hitlers Ultimatum"
Herrn
Dr. Helmut Reitze
Intendant des Hessischen Rundfunks
D 60222 Frankfurt/Main
Sehr geehrter Herr Dr. Reitze!
Ich habe mir am 21. Oktober 2008 die Dokumentation "Hitlers Ultimatum" im HR angesehen und bin sehr enttäuscht davon.
Abgesehen davon, daß die CSR natürlich nicht die letzte Demokratie in Mitteleuropa war - oder zählt die Schweiz bei Ihnen nicht zu Mitteleuropa? - war es eine ziemlich plumpe Wiedergabe von Stereotypen.
Die "bösen" Sudetendeutschen, die den Einmarsch des blutigen Diktators Hitler ersehnten und die demokratische CSR zerstören wollten.
Auf die Behandlung der sudetendeutschen Minderheit in der CSR (Schließung vieler ihrer Schulen, Massenentlassungen ihrer Beamten, als Bodenreform getarnte Enteignungen, Masseneinwanderung von tschechischen Beamten in ihr Land, Zensur, Parteienverbote, ungleiche Stimmengewichtung bei Parlamentswahlen, Massenverhaftungen von Sudetendeutschen usw.) wurde genausowenig eingegangen, wie auf die Tatsache, daß die Sudetendeutschen 1919 bei Österreich verbleiben wollten, ihr Land aber mit roher Waffengewalt vom Tschechenstaat besetzt und okkupiert worden ist. Der von den sudetendeutschen Sozialdemokraten am 4. März 1919 organisierte friedliche Massenprotest der Sudetendeutschen wurde in vielen Städten von der tschechischen Besatzungsmacht brutal zusammengeschossen. 54 tote Sudetendeutsche und viele hundert Verletzte waren die Folge. Unter den 54 erschossenen Sudetendeutschen waren übrigens auch mindestens 2 sudetendeutsche Juden, denn diese wollten auch bei Österreich verbleiben.
Die Beobachtermission des britischen Lords Runciman 1938 hat ergeben, daß im sudetendeutschen Gebiet Nordböhmens, Massenelend und Hunger an der Tagesordnung waren. Die Arbeitslosenrate der Sudetendeutschen lag etwa fünfmal höher als bei den Tschechen.
Es gab also durchaus nachvollziehbare Gründe für die Sudetendeutschen 1938 weg zu wollen aus der CSR, in die man sie 1919 gezwungen hatte - wer will schon als Bürger zweiter Klasse in der eigenen Heimat leben?
Jeder, der die Zustände in der Zwischenkriegs-ČSR kennt, wird über deren Einstufung als Muster-Demokratie lachen. Die Zwischenkriegs-ČSR war ein Völkerkerker, wo die knappe tschechische Mehrheit mittels Wahlrechtstricks alle Minderheiten unterdrückt hat. Das betraf keineswegs nur die Sudetendeutschen, sondern genauso die Slowaken, die 1939 und dann wieder 1993 ihren eigenen Staat gründeten, die Ungarn, die Ruthenen, die Polen usw.
Der Anschlußwille der meisten Sudetendeutschen 1938 hatte also nichts mit der Sehnsucht nach der Hitler-Diktatur zu tun, sondern mit der Sehnsucht, den alltäglichen Schikanen des Tschechenstaates zu entkommen.
Natürlich haben sich da viele Illusionen gemacht, aber hinterher ist man ja immer klüger.
Eines aber habe ich ganz besonders vermißt, nämlich die Aussage, daß die Westmächte dem Diktator Hitler 1938 das freiwillig gaben, was dieselben Westmächte nur 19 Jahre davor der demokratischen Republik Deutschösterreich verweigert haben.
Oder anders gesagt, ohne die wahnwitzigen "Friedens"verträge von St. Germain und Versailles 1919 wäre Hitler ein unbekannter Postkartenmaler geblieben.
Günter Ofner
Bundesreferent für Öffentlichkeitsarbeit
der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ)