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Haavara Abkommen

 

Das Haavara-Abkommen war eine Vereinbarung zwischen dem Reichswirtschaftsministerium, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und der Anglo-Palestine Bank. Das hebräische Wort Haavara bedeutet Transfer. Das Abkommen wurde Anfang August 1933 nach dreimonatigen Verhandlungen unterzeichnet,um die Emigration deutscher Juden nach Palästina zu erleichtern und gleichzeitig den deutschen Export zu fördern, insbesondere aber den damals befürchteten internationalen Handelsboykott zu durchbrechen. Chaim Arlosoroff war der jüdische Verhandlungspartner. Das Abkommen ermöglichte jüdischen Auswanderern oder Investoren, Kapital aus Deutschland in Form von Waren nach Palästina zu exportieren und erleichterte so die jüdische Auswanderung aus Deutschland.
  Während die deutschen Juden auf die Erhaltung jüdischer Rechte zielte - symbolisiert durch den jüdischen Wirtschaftsboykott gegen das nationalsozialistische Deutschland, konzentrierte sich das zionistische Interesse darauf, die Krise zur Steigerung der Einwanderung nach Palästina zu nutzen. Haupthindernis für die Emigration aus Deutschland war die deutsche Gesetzgebung, die die Ausfuhr von Fremdwährungen verbot. Diese Gesetze waren schon während der Weltwirtschaftskrise erlassen worden, um die Kapitalflucht zu unterbinden, aber es gab noch einige Schlupflöcher, die die deutschen Zionisten in Deutschland und in Palästina nutzten.
  Die britische Verwaltung Palästinas verlangte von den Einwanderungswilligen den Nachweis finanzieller Mittel. Nach den deutschen Devisenbestimmungen von 1931 wurden aber von Auslandsüberweisungen hohe Abschläge einbehalten. Das Ha'avara-Abkommen erlaubte nun den Betroffenen, einen Teil ihres Besitzes in Form von Waren nach Palästina zu transferieren. Der jüdische Auswanderer zahlte Geld (der Mindestbetrag lag bei 1.000 Pfund Sterling) auf ein deutsches Konto ein. Mit diesem Geld wurden deutsche Waren für den Export nach Palästina bezahlt, während der Importeur den Gegenwert auf ein Konto in Palästina einzahlte. Wenn der Auswanderer in Palästina eintraf, erhielt er aus diesem Konto die Summe in palästinensischen Pfund erstattet.
  Das zionistische Interesse an dem Ausfuhr- und Verrechnungsabkommen basierte auf der Überzeugung, daß sich wohlhabende Juden zur Einwanderung nach Palästina entschließen werden. Die Deutschen hatten ein dreifaches Motiv:
1. den Wunsch, möglichst viele Juden zur Emigration zu bewegen;
2. wirtschaftliche Interessen, wie die Steigerung der Produktion und Schaffung neuer Arbeitsplätze;
3. Überlegungen, die sich auf das Unterlaufen des jüdischen Weltboykotts gegen das Deutsche Reich an einem besonders symbolbehafteten Ort, nämlich in Palästina, richteten.
  Das Abkommen wurde von Teilen der jüdischen Öffentlichkeit, vor allem in der Diaspora, als Bruch der jüdischen Solidarität und Verletzung des Boykotts verurteilt. Der offiziellen zionistischen Position zufolge war das Abkommen eine private Übereinkunft zwischen den deutschen Zionisten und der deutschen Regierung. Das änderte sich erst im Sommer 1935 unter dem Druck der zionistischen Arbeiterbewegung, als sich der Weg über die Haavara als einzige Möglichkeit zur Auswanderung erwies. Bis 1935 betraf das Abkommen nur Einwanderer, deren Vermögen 1000 Pfund überschritt. Sie wurde in Fremdwährung von den deutschen Behörden angewiesen. Ab 1935 mußte die Haavara die Bürgschaft für diese Kapitalbescheinigungen übernehmen und zu diesem Zweck den Vertrieb deutscher Waren in Palästina gewährleisten. Da der Markt dort beschränkt war, dehnte die Haavara ihre Aktivitäten auf die Nachbarländer aus.
  Man bemühte sich (Jüdischer Weltkongress) um ähnliche Abmachungen mit verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas. Am erfolgreichsten war die Vereinbarung mit dem Benes-Regime in der Tschechei, welche die Einfuhr von einer halben Million Pfund nach Palästina und die Einwanderung von mehreren tausend Juden ermöglichte.
  Anfang 1937 stießen Herbert Hagen und Adolf Eichmann sogar bis in die Kommandozentrale der Zionisten in Palästina vor. Aus dem Führungsstab der "Haganah", der jüdischen Selbstschutzorganisation in Palästina, traf in Berlin der Offizier Feisel Polkes ein und wurde von Eichmann am 26.Februar 1937 im Berliner Weinrestaurant „Traube“ eingeladen. Ihm gehe es darum, sagte Polkes zu Eichmann, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu verstärken. Aus diesem Grund wolle er mit der SS kooperieren. Im September 1937 trafen sich Eichmann und Hagen noch einmal mit Polkes in Kairo. Heydrich war von Eichmanns Berichten so beeindruckt, dass er ihm gleich nach der deutschen Wiedervereinigung mit Österreich die Leitung der dortigen jüdischen Auswanderung übertrug. Die Auswanderung, die bisher noch freiwillig war, wurde nun unter dem Druck der SS zwangsbeschleunigt.
  Mit den Mitteln der Erpressung brachte Eichmann die jüdische Auswanderung aus der Ostmark in Gang und schuf ein Modell, das ein Jahr später auch in Berlin und Prag eingeführt wurde. Die reicheren Juden wurden gezwungen, die Auswanderung der ärmeren über das Haavara-Abkommen mitzufinanzieren.
  Schon im Spätherbst 1938 hatte Eichmann 45.000 Juden aus der Ostmark zur Auswanderung veranlaßt, bis zum Kriegsausbruch hatten 150.000 Juden die Donaugaue verlassen. Auch die Auswanderung aus Deutschland stieg 1938 wieder an.  40.000 Juden verließen das Land ihrer Väter, doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.
  Doch während der Organisationsapparat der SS auf Hochtouren zu laufen begann und jüdische Auswanderer im Schnellverfahren abzufertigen versuchte, schlossen immer mehr Länder ihre Grenzen für die Juden.
  Visa-Anträge in die USA und nach Südafrika wurden immer schleppender bearbeitet. Überall entstand die Furcht vor einer Invasion mittelloser, und verarmter Juden, die der öffentlichen Hand zur Last fallen würden.
  In Palästina führten arabische Unruhen gegen die jüdische Einwanderung dazu, daß die britische Mandatsmacht die Quoten drastisch senkte. Abgewiesene Schiffe irrten von einem Hafen zum anderen. Oft mußten die Länder, die schon mit Flüchtlingen und Auswanderern  überfüllt waren (wie Frankreich, Holland und Dänemark), die verzweifelte menschliche Fracht aufnehmen. Vor den Konsulaten westlicher Länder standen täglich Menschenschlangen.
  Zwar fand sich das große Amerika nicht bereit, seine in der Periode des Isolationismus erlassenen restriktiven Einwanderungsbestimmungen zu lockern, doch um das Gesicht zu wahren, regte Präsident Roosevelt eine Weltflüchtlingskonferenz an, die im Juli 1938 im Kurort Evian am Genfer See zusammentrat.
  Evian erlitt das Schicksal vieler Konferenzen: Das Problem wurde an einen Ausschuß verwiesen. Ein Ausschuß unter der Leitung des US-Delegierten George Rublee wurde beauftragt, künftig die Fragen der jüdischen Auswanderung zu bearbeiten. Als Sitz wurde London bestimmt...
  Zweiunddreißig Staaten akzeptierten die Einladung zu der Konferenz in Evian: sechs von Deutschlands Nachbarn, das Vereinigte Königreich mit seinen Dominions und neunzehn lateinamerikanische Länder. Nicht formell dazu eingeladen waren neununddreißig Organisationen, die sich bereits damals für die deutschen Juden einsetzten, aber sie durften nur kurze Erklärungen abgeben, während Abgesandte der Reichsvertretung und der jüdischen Gemeinde in Wien, denen die Ausreise zu dem Zweck gestattet worden war, ihr Anliegen vorzutragen, für die potentiellen Flüchtlinge selbst sprachen.
  In der Presse wurde rasch vermerkt, daß 'Evian' rückwärts gesprochen das Wort 'naive' ergab, und Beobachter, die geglaubt hätten, die Konferenz werde zu irgendwelchen konkreten Schritten führen, wären dann auch naiv gewesen. In seiner energischen Eröffnungsrede schilderte Myron Taylor, Präsident Roosevelts Beauftragter, die Situation mit offenen Worten: 'In diesem Augenblick, da die Konferenz zusammentritt', erklärte er, 'sind mehrere Millionen Menschen tatsächlich oder potentiell heimatlos.' Dieser alarmierende Tatbestand bewirkte - wenn überhaupt etwas - nur, daß die meisten Länder in ihrer Entschlossenheit bestärkt wurden, die Grenzen geschlossen zu halten.
  Die Briten hatten dabei mit Rücksicht auf die Araber dafür gesorgt, daß der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Dr. Chaim Weizmann, einer der beredtesten Fürsprecher einer jüdischen Einwanderung nach Palästina überhaupt nicht zugelassen wurde.
  Als ein Reporter den britischen Delegierten darauf ansprach, sagte dieser wörtlich: „Die Regierung Seiner Majestät würde es vorziehen, wenn diese Konferenz überhaupt nicht stattfände.“ In England selbst demonstrierten die Gewerkschaften gegen die Aufnahme von Juden, in denen sie lästige Konkurrenten sahen.
  Frankreich, wo schon 200.000 jüdische und politische Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten, versicherte, es habe die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit erreicht.
  Am härtesten reagierten jene Länder, die an Fläche und Potential gemessen, die besten Aufnahmemöglichkeiten hätten bieten können. Zum Beispiel Australien: „Wir hatten bisher kein Rassenproblem, und wir möchten auch keines importieren.“ Auch die Australier betrachteten die Juden inzwischen nicht mehr als Leute mit einer anderen Religion, sondern als Mitglieder einer fremden unerwünschten „Rasse“. Mit dieser Ansicht hatten sie sich unbewußt die NS-Terminologie zu Eigen gemacht
  Ähnliche Formulierungen gebrauchten Länder wie Peru, Nicaragua, Honduras, Costa Rica und Panama: „Wir wollen weder Händler noch Intellektuelle. Die Juden bringen die Sozialstruktur unserer Länder durcheinander.“ Und Kanada: „Wir wollen nur Einwanderer aus landwirtschaftlichen Berufen.“
  Nicht einmal die USA erklärten sich bereit, die Einwanderungsbestimmungen aus humanitären Gründen wenigstens kurzfristig zu lockern. Sie wollten lediglich vom nächsten Jahr an die „volle Quote für Einwanderer aus Deutschland und Österreich aufnehmen.“ Im Klartext hieß dies: 27 370 Einwanderer pro Jahr, obgleich die Quote in den vergangenen 10 Jahren niemals voll ausgeschöpft worden war und Hunderttausende von Juden darauf warteten, daß Amerika, der "Hort der Freiheit", sie aufnehmen würde.
  Die unmittelbar Betroffenen, die Juden selbst, wurden in Evian überhaupt nicht gehört. Sie durften lediglich am Rande der Konferenz mit einigen Delegierten reden, wurden mit Absichtserklärungen und bedauernden Worten abgespeist. Einige derer, die Pressevertretern die unerträgliche Situation der deutschen Juden schilderten und an die Solidarität der zivilisierten Welt appellierten, wurden nach ihrer Rückkehr nach Deutschland festgenommen und wegen „landesverräterischer Hetze in Konzentrationslager gebracht.
  Das Haavara-Abkommen erfüllte seinen Zweck bis wenige Monate nach Kriegbeginn, als der Transfer wegen der Wirtschaftsblockade gegen Deutschland gestoppt werden mußte. In knapp sieben Jahren waren durch das Abkommen rund acht Millionen Pfund Sterling direkt nach Palästina gelangt, sechs Millionen indirekt durch deutsche Waren. Mehrere tausend Einwanderer nutzten das Abkommen, und eine wesentlich höhere Zahl profitierte von der allgemeinen Steigerung der Aufnahmefähigkeit des Landes durch den Zufluß deutsch-jüdischen Kapitals.



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